top of page

„Wenn du glücklich leben willst, bleib hier“ – Interview mit Kyra aus Zettlitz (Mittelsachsen) 

vor 3 Minuten
15 Min. Lesezeit

Am 17. Juli 2026 haben wir ein Interview mit Kyra durchgeführt, die aus Zettlitz in Mittelsachsen kommt und 2026 ihr Abitur an der Landesschule Pforta in Sachsen-Anhalt gemacht hat. Es geht um ihre Schulzeit in der Nähe von Naumburg, Politik, ÖPNV und das Bleiben oder Gehen junger Menschen aus Sachsen. Wir wünschen viel Freude und Erkenntnis beim Lesen!


Hanna:

Kyra, stell dich doch gerne einmal vor. 

 

Kyra:

Mein Name ist Kyra und ich wohne in Zettlitz. Das ist die kleinste Gemeinde in Mittelsachsen. Ich war bis jetzt Schülerin an der Landesschule Pforta, habe dort mein Abi gemacht und werde nächstes Jahr voraussichtlich ein FSJ bei dem Pfarrer in Goseck in Sachsen-Anhalt machen. Danach überlege ich, Theologie oder Medizin zu studieren. Ich bin gerade 19 Jahre alt. 


Hanna:

Fangen wir mit einem Basic an: Wann bist du das erste Mal mit dem Thema Ostdeutschland in Berührung gekommen? 


Kyra:

Wir waren 2020 im Urlaub an der Ostsee. Wir verbringen unsere Urlaube traditionell mit Freunden meines Vaters und deren Familien. An einem Abend saßen wir vier Kinder, die ungefähr im selben Alter waren, am Tisch und haben meiner jüngeren Schwester zu erklären versucht, was ein Ossi und was ein Wessi ist. Das war, so glaube ich, das erste Mal, dass ich wirklich damit in Berührung gekommen bin – auch mit diesem vorurteilshaften Denken. 


Hanna:

Du warst ja an einer Schule, an der Menschen aus sehr vielen unterschiedlichen Teilen Deutschlands waren. War das ein Thema, das dir dabei bewusst war, oder eher nicht?


Kyra:

Ich bin sehr spät nach Pforte (Landesschule Pforta, Anm. Weronika) gekommen, erst in der elften Klasse. Ich war da auch schon ein bisschen älter. Und meistens ist mir aufgefallen, dass dort sehr viel Hochdeutsch gesprochen wurde. Der einzige Ort, an dem gesächselt wurde, war der Rezitatorenwettbewerb, bei dem man etwas von Lene Voigt vorgetragen hat. Das ist sehr lustig, und es ist wirklich interessant, dass man automatisch anfängt, Hochdeutsch zu sprechen. Mir war auf jeden Fall bewusst, dass dort Leute aus ganz vielen verschiedenen Teilen Deutschlands sind. Man muss aber auch sagen, dass es vermehrt Leute aus Sachsen-Anhalt sind, weil es diese Quote gibt, wonach 50 Prozent der Schüler*innen aus Sachsen-Anhalt stammen müssen. Ich denke, es sind mehrheitlich Leute aus den neuen Bundesländern, die dort sind. Das war für mich jedoch gar nicht so wichtig, einfach weil ich mich sehr darauf gefreut habe, Leute kennenzulernen. Und da ist es eigentlich sehr zweitrangig, woher sie kommen.


Weronika:

Ich war ja auch ein paar Mal in Pforte, weil meine Cousine bis 2022 und meine kleine Schwester bis 2024 dort zur Schule gegangen sind. Ich habe mich immer gefragt, wie das im Kontext von Naumburg ist: Wie viel Kontaktaustausch gibt es, welche Art von Dingen bekommt ihr aus der Stadt mit, und wie habt ihr das wahrgenommen?


Kyra:

Es gibt eine Lehrkraft, die vor zwei Jahren in Rente gegangen ist und Pforte immer als die Insel der Glückseligen bezeichnet hat. Ich würde Pforte auf jeden Fall als eine Insel bezeichnen, ein bisschen abgegrenzt von der Umgebung. Im letzten Jahr hatten wir größere Probleme damit, dass mehrfach Leute von Naumburgern oder Bad Kösenern angegriffen wurden. Ich selbst wurde im Umkreis auch schon mehrfach verbal belästigt. Ich glaube, die Verbindung zur Umgebung von Naumburg und Bad Kösen ist einfach kaum vorhanden, weil wir mit uns selbst sehr, sehr zufrieden sind. Es ist wie ein Abgrund dazwischen. Ich glaube, wir wollen auch gar nicht so viel mit den Naumburgern zu tun haben. Natürlich gibt es einzelne Leute, die über Freunde aus Naumburg, die in Pforte sind, auch bei sozialen Zusammenkünften dabei waren – und das sind auch sehr korrekte Leute. Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es coole Menschen in Naumburg gibt. Aber es gibt auf jeden Fall auch sehr viele sehr uncoole Leute, die einen sehr großen Groll gegen die Schule hegen.


Hanna:

Wie kannst du dir diesen Groll erklären? Für mich ist das gar nicht vorstellbar – es ist ja nur eine Schule. 


Kyra:

Zum einen gibt es eine kleine Rivalität zwischen dem Domgymnasium in Naumburg und uns. Die ist aber nicht weiter begründet – wir mögen uns einfach nicht wirklich. Zum anderen – und das ist glaube ich ein viel, viel größeres “Problem” – ist, dass Pforte einfach unglaublich links ist. Wir hatten ja die Jugendbundestagswahlen, bei denen wir unsere zwei Stimmen abgegeben haben, und ich glaube, weit über 60 Prozent haben für linke Parteien gestimmt. Das ist in Naumburg ein bisschen schwierig, weil es ein verbreitetes Bild ist: dass wir offener sind, dass dort viele Leute sind, die Teil der LGBTQ-Community sind und die zum Beispiel auch an Demonstrationen in Naumburg teilnehmen. Und es ist einfach schwer, wenn die Umgebung so ist wie Naumburg, wo Schlagzeilen gemacht wurden, weil eine Regenbogentreppe mit schwarz-weiß-rot übermalt wurde. Das ist schwer.


Weronika:

Ich glaube, es spielt auch mit rein, dass die Schule von der Durchschnittsbevölkerung wahrscheinlich als sehr elitär wahrgenommen wird. Wenn man einmal dort war, versteht man schon, dass es nicht so etwas wie Salem oder Ähnliches ist. Aber wenn man von außen nur darauf schaut und weiß, dass es dort dieses Internat gibt, wirkt es wahrscheinlich sehr elitär. Und Hass richtet sich ja oft gegen Dinge, die wir nicht verstehen. Das ist überhaupt keine Rechtfertigung, aber ich glaube, die instinktive Haltung ist Ablehnung. 


Kyra:

Dazu gibt es ein sehr cooles Interview auf YouTube, in dem ein ehemaliger Schüler über den schwierigen Begriff Eliteschule gesprochen hat. Ich glaube, sehr viele Schüler teilen seine Meinung und sagen: Wir sind keine Eliteschule. Wir haben zwar überdurchschnittlich viel Adel – ja, okay, dann ist der Name cool. Oder auch Leute, deren Eltern millionenschwere Unternehmen haben. Ja, okay. Aber das spiegelt sich nicht im Schulalltag wider, weil einfach so viele Leute aus normalen Haushalten, aus normalen Elternhäusern dort sind, die genauso überall sonst auch zu finden sind. Und ich denke – da stimme ich dir auf jeden Fall zu –, dass ganz viele das einfach nicht nachvollziehen können, dass man denkt: Auf dieser Schule sind nur irgendwie Bonzen, zwischen uns und ihnen liegt eine Riesenlücke, und wir wollen mit denen überhaupt nichts zu tun haben.


Hanna:

Aber wie ist es dann innerhalb der Schule? Ich kann mir vorstellen, dass sich bei so krassen – also sehr unterschiedlichen – sozialen Hintergründen das in den Freundschaften widerspiegelt, die man hat. Oder ist die Schule so ein “Gleichmacher”, dass man trotzdem denkt, alle sind auf einer Ebene, alle sind gleichermaßen miteinander befreundet und haben gleiche soziale Gewohnheiten?


Kyra:

Ich würde schon sagen, dass es sehr, sehr angleichend ist. Ich bin gerade mit einem Expertenkind zusammen – sein Vater ist Schulleiter an drei Schulen, seine Mutter ist Lehrerin. Das ist ein anderer sozialer Standard als bei einer Familie, die komplett auf BAföG für die Kinder angewiesen ist. Die Freundesgruppen sind sehr wild zusammengewürfelt, und man achtet einfach nicht so darauf. Auf die Mode wirkt es sich wirklich sehr aus, würde ich behaupten: Man merkt schon, dass sich die Leute anders anziehen, und dann versucht man, ein bisschen mitzuziehen, ein bisschen mitzumachen. Aber im Großen und Ganzen, vom Zusammenleben her, würde ich sagen: Aus meiner Warte fällt wenig auf, und es gibt nicht so eine Hierarchie – nach dem Motto: Ich stehe sozial total über dir und erwarte, dass du dich mir gegenüber entsprechend verhältst. 


Weronika:

Ich glaube, es hängt auch viel damit zusammen, dass es eben noch eine Schule ist. Aber eigentlich – an sich finde ich Schulen ein schönes Konzept. Schule als Austausch zwischen allen möglichen Gesellschaftsschichten ist an sich eine gute Idee, denn dort kann man wirklich lernen, Menschen wertzuschätzen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geld und so weiter. Und es ist schön, wenn es funktioniert. Die Frage ist nur, ob es noch funktioniert.


Kyra:

An meiner alten Schule war das eher der Fall, dass diese Mischung weniger vorhanden war. Ich glaube, das hängt auch ein bisschen mit dem Alter zusammen: In der siebten, achten Klasse achtet man vielleicht mehr darauf, was andere Leute anhaben oder wie sie sich geben. Dann fällt sicherlich auf: Okay, einige haben leicht zerschlissene Sachen, haben vielleicht nicht so einen coolen Eastpak-Rucksack, keine Ahnung. Und vielleicht haben einige Geld dabei, um sich am Kiosk etwas zu holen, andere bekommen Mittagessen, und wieder andere haben nur ein Brot dabei. Ich denke, dass es also schon eine Rolle spielt – vor allem vielleicht auch, weil irgendwo im Hinterkopf steht, dass einige Leute einfach nicht nach Pforte kommen, abhängig von ihrem sozialen Stand. Weil man den Preis sieht und sagt: Das ist für uns nicht erreichbar. Und man denkt nicht weiter und sagt sich: Es gibt Schüler-BAföG, es gibt Stipendien, es gibt Unterstützung von allen möglichen Stellen.


Hanna:

Wie war das eigentlich mit der Finanzierung? Du hast gesagt, du hast das mit BAföG finanziert. Ich kenne mich mit Schüler-BAföG nicht aus: Muss man das auch zurückzahlen? 


Kyra:

Für Schüler-BAföG bewirbt man sich ganz normal wie auch für Studien-BAföG, aber man muss es nicht zurückzahlen. Ich hatte außerdem noch ein Stipendium vom Förderbund. Was vielleicht auch noch ganz interessant ist: Anfang meiner Pforte-Zeit haben wir noch Wohngeld bekommen, da meine Mutter alleinerziehend ist. Und ab dem Punkt, wo man Wohngeld bekommt, muss man die Unterbringungskosten nicht mehr bezahlen. Das heißt, man bezahlt nur noch die Verpflegungskosten, wobei das Mittagessen vom Land bezahlt wird, weil das Schulmittagessen im Wohngeld enthalten ist.

 

Hanna:

Du hast gesagt, du bist aus Mittelsachsen. Ich komme auch aus dem ländlichen Raum in Sachsen. Welche Erfahrungen macht man, wenn man im ländlichen Raum als junge Person aufwächst?


Kyra:

Erstmal würde ich sagen: Es ist sehr, sehr schön. Es ist etwas Positives, im ländlichen Raum aufzuwachsen – einfach wegen der Ruhe. Man hat wirklich viele Möglichkeiten, hier richtig viel Platz und ganz viel Grün. Man kann einfach spazieren gehen, und es gibt Wälder. Das finde ich sehr, sehr cool. Es gibt aber trotzdem Nachteile. Meine alte Schule hatte zum Beispiel einen Einzugskreis von ungefähr 30 Kilometern Durchmesser. Meine Freunde haben immer auf der anderen Seite gewohnt – ich am äußeren Kreis auf der einen Seite, sie am äußeren Kreis auf der anderen Seite. Somit habe ich mich in meiner Schulzeit hier wirklich selten mit Leuten getroffen. Wenn man Projekte hatte, bei denen man sich treffen musste, war das immer: Mama, kannst du mich bitte fahren? – einfach auch, weil die Busanbindungen wirklich schlecht sind. Ich habe großes Glück mit meinem Wohnort: Wir haben hier gleich drei Buslinien. Eine davon wurde jetzt gestrichen, sodass wir zumindest unter der Woche ungefähr alle zwei Stunden angebunden sind. Das ist ein großer Luxus, den ich wirklich wertschätze. In Pforte ist es ein bisschen besser geworden, da Naumburg und Bad Kösen meiner Meinung nach besser angebunden sind. Das ist auch ein ganz großer Punkt für mich gewesen, aufs Internat zu gehen: dass die Buszeiten wegfallen. Wenn ich mit dem Schulbus in die Schule gefahren bin, bin ich morgens eine halbe und nachmittags eine Dreiviertelstunde gefahren – für Luftlinie irgendwie acht Kilometer –, weil einfach alle kleinen Dörfer noch mitgenommen werden müssen. Aber in Pforte war es dann eben ein Luxus, dass man drei Minuten Weg hatte oder maximal fünf bis zum Unterricht. Man hat seine Freunde vor Ort, man hat seine Hobbys vor Ort, man muss nicht erst irgendwohin fahren oder gefahren werden. Das ist ein unglaublich großer Luxus. Wir hatten, glaube ich, in dem Jahr, als ich gekommen bin, 35 Arbeitsgemeinschaften. Da konnte man sich wirklich sehr ausleben, was man machen möchte. Und wenn man das Gefühl hatte, dass etwas fehlt, dann hat man selbst eine AG gegründet. So war ich zum Beispiel in meinem letzten Jahr Leiterin der Jugenddebattier-AG. Und einfach diese Menge an Möglichkeiten fehlt hier auf dem Dorf sehr – dass man erst irgendwohin fahren muss, um etwas zu machen. Ich war zehn Jahre in der Jugendfeuerwehr. Wenn ich nach der Schule langen Unterricht hatte, musste ich anderthalb Stunden in der Stadt warten, weil es mit dem Bus hin und zurück nicht geklappt hätte. Dann hatten wir Feuerwehr, und ich musste immer früher gehen, damit ich den Bus nach Hause wieder schaffe und nicht erst sehr spät zu Hause bin. Ich hatte eine Zeit lang vorgehabt, Cheerleading zu machen. Dafür hätte ich ungefähr 20 Kilometer fahren müssem. Natürlich habe ich dann nicht angefangen. Ich bin auch eine Zeit lang geritten, vielleicht so drei, vier Jahre. Dafür mussten wir nach der Schule entweder den Bus nehmen und ein bis zwei Stunden warten, oder wir sind gelaufen – das waren fünf Kilometer von der Schule bis dahin. Bei der Rückkehr mussten wir dann wieder abgeholt werden. Wir hatten am Wochenende Stalldienst früh um sieben, und dafür mussten wir hier halb sieben losfahren. Dieses Mobilitätsthema ist also einfach groß: Man hat Möglichkeiten, aber man muss erst mal hinkommen. Meine Eltern sind wirklich viel für uns gefahren. Ich habe mit 17 den Führerschein gemacht. Jetzt fahre ich Auto, weil es einfach nicht anders geht.


Hanna:

Daran erinnere ich mich auch sehr gut – diese Abhängigkeit von den eigenen Eltern. Bei mir waren es noch die Großeltern: Man musste immer jemanden einbinden, wenn man einen Plan hatte und eigentlich nicht selbstständig mobil war.Gibt es etwas, was du dir wünschst – politisch gesehen –, was man ändern könnte, um den ländlichen Raum für junge Leute schöner, besser und einfacher zu gestalten?


Kyra:

Ich weiß, dass es schwer ist, Busverbindungen zu etablieren, wenn dort keiner mitfährt. Aber ein gutes Konzept sind Rufbusse. Es gibt Busse, die alle zwei bis vier Stunden fahren, sodass die Orte angebunden sind – aber zwischendurch zusätzlich Rufbusse, sodass die Leute sagen können: Ich möchte irgendwohin und melde das an. Es gibt Orte in meiner Umgebung, die gar keine Bushaltestellen haben, obwohl dort Kinder leben, die zur Schule müssen. Ich bin jetzt mit dem Auto durch Nachbarorte gefahren. Ich finde es nicht ausreichend, wenn an einem Ort eine Bushaltestelle steht, an der eine Blechtafel hängt: Busverkehr, werktags zwischen 5 und 6 Uhr und zwischen 14 und 17 Uhr. Vor allem, weil es auch Busfahrer gibt, die Erwachsene nicht mit diesen Bussen mitfahren lassen – es ist ein Schulbus, da sollen doch nur Kinder mitfahren, weil sie voll sind, weil sie über alle möglichen Orte fahren. Ich finde, ein einfacher Start wäre zu sagen: Wir stellen eine bessere Infrastruktur auf. Wir ermöglichen Leuten – nicht nur Jugendlichen, sondern auch alten Leuten, die nicht mehr fahren können –, dass sie zum Arzt kommen und einkaufen gehen können und nicht in die Stadt ziehen müssen, weil sie es nicht mehr schaffen, oder ins Altenheim gehen müssen, weil es ihnen nicht mehr möglich ist. Ich könnte mir vorstellen, dass Leute, wenn man besser angebunden ist, vielleicht auch bleiben würden. Für junge Leute würde es auf jeden Fall vieles vereinfachen. Ob es ein Magnet wäre, wieder aufs Land zu ziehen, weiß ich nicht.


Weronika:

Ja, aber immerhin – die Leute sollten bleiben. Ich merke es, wenn ich mal in Görlitz bin. Ich bin in der Stadt aufgewachsen. Meine Großeltern wohnen in Weißenberg im Pflegeheim, und dorthin zu kommen ist wirklich eine Odyssee. Es gibt einen Bus, die 65, aber es ist schon bitter: Da brauchst du über eine Stunde für eine Strecke von 24 Kilometern. Gleichzeitig bin ich meistens die Einzige, die im ganzen Bus sitzt. Ich finde das richtig schade. So lange gab es die Verbindung wahrscheinlich gar nicht – jetzt gibt es sie, aber inzwischen haben alle Autos. 


Hanna:

Wir hatten bei uns im Dorf tatsächlich Rufbusse, und zwar alle zwei Stunden. Es war nicht mehr so, dass jede Stunde etwas fuhr, sondern alle zwei Stunden. In dieser langen Zeit dazwischen fährt früh um 7 Uhr ein Bus zur Schule, und dann fährt erst eine Weile gar nichts, bis um 12 Uhr ein regulärer Bus fährt. Gerade wenn man etwas braucht, das viele Leute nutzen, sind Rufbusse in dieser Hinsicht ein bisschen abschreckend, weil sie immer eine Vorbereitung benötigen. Das ist zwar nicht viel Vorbereitung, aber mehr, als einfach ins Auto zu steigen und loszufahren. Aber ich glaube, diese Bequemlichkeit führt gerade auf dem Land dazu, dass der Bus, selbst wenn es einen gibt, gar nicht als Option gesehen wird. Das war bei uns so: Es sind immer nur ein paar Rentner mitgefahren, die kein Auto mehr hatten, und Schüler, die nichts anderes hatten. Bei uns waren es praktisch Taxis, die als Busse fungiert haben. Das könnte man doch einfach jede Stunde so machen: ein Taxi fahren lassen, sodass nicht so viel Energie benötigt wird, als einen ganzen Bus abzustellen. Und ich weiß, dass es auch anders geht: Ich war in Slowenien und wir sind nur mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in den Urlaub gefahren, in einem Bergdorf – nicht direkt auf dem Berg, aber in einem Tal. Es gab eine stündliche Busanbindung nach Ljubljana. Das ist natürlich ein anderes Level, weil Slowenien kleiner ist als Deutschland. Aber ich dachte mir trotzdem: Eigentlich kann es schon auch gehen, und es wird auch angenommen.


Kyra:

Ich kann mir das so vorstellen, dass es einfach erst mal etabliert wird. Was da auch noch sehr drauf drückt, ist das Problem mit den Zügen. Wir haben bei uns drei stillgelegte Strecken. Eine, die noch existiert, ist die Strecke Leipzig–Chemnitz. Ich weiß nicht, ob ihr die kennt. Die ist der absolute Horror. Es gibt jetzt die neuen Batteriezüge – wie cool, weniger störanfällig und so weiter. Aber es ist trotzdem immer noch schlecht, weil der Zug die Strecke nicht hin und zurück mit einer Ladung schafft. Die Strecke ist immer noch eingleisig. Und das macht mich sehr traurig, wenn ich sehe: Es gab fast in jedem Ort eine Haltestelle für den Zug. Es gibt Bushaltestellen in Orten, wo es jetzt keine mehr gibt. Es gab früher diese Zugverbindungen auch in kleinen Orten. Und es gibt riesige Güterbahnhöfe hier, die nicht mehr genutzt werden. Es gibt Bahnhofsgebäude, die jetzt leer stehen. Wenn ich meine Großmutter höre, die in Chemnitz gearbeitet hat – sie ist mit dem Bus nach Mittweida gefahren und dann mit dem Zug weiter. Das hat funktioniert. Wir waren bei Oranienburg im Urlaub. Dort wurde erzählt: Da war ein Stahlwerk, und da gab es Schichtzüge, dort wurde etabliert, dass zu Schichtbeginn und Schichtende ein Zug fährt. Warum geht das nicht? 


Weronika:

Ich glaube, die Bahn wurde in den 90er Jahren extrem kaputtgespart. Nicht nur im Osten. 


Hanna:

Du hast gesagt, du würdest gerne in Ostdeutschland bleiben und dass das Leute manchmal auch überrascht. Kannst du deine Perspektive dazu ein bisschen erklären?


Kyra:

In der 8. Klasse, zu meinem Praktikum, war ich hier in der Umgebung in einem Metallbaubetrieb. Da war ein Typ, der viele Jahre irgendwo im Westen gewohnt hat, der meinte: „Wenn du Geld verdienen möchtest, geh rüber. Wenn du glücklich leben möchtest und eine gute Verbindung zu den Menschen haben willst, dann bleib hier.“ Das war ein Zusatzpunkt, der mir gezeigt hat: Eigentlich ist es schon sehr cool hier. Ich glaube, das ist auch ein bisschen klischeebehaftet, dieses Denken, dass hier die Gemeinschaft so funktioniert, weil die Leute es gewöhnt sind, miteinander arbeiten zu müssen, sich vielleicht auch untereinander zu unterstützen. Ich weiß, dass ich in der Stadt studieren möchte, um mal ein paar Jahre Möglichkeiten zu genießen, um ein gutes Studium zu machen. Aber danach würde ich auf jeden Fall zurückziehen, weil ich einfach diese Freiheit mag und diesen freien Raum, dass man einfach viel Platz hat, viel Ruhe hat, dass man so ein bisschen seine kleine Idylle hat. Und vielleicht ist ein kleiner Teil meines Lebenstraums, irgendwann mal einen kleinen Rosengarten mit Lavendel zu haben. Und für mich ist es auch ein bisschen traurig, wenn ich sehe: Hier stirbt alles aus. Wenn ich mal Kinder haben sollte, möchte ich diesen Kindern das auch ermöglichen: so eine freie und naturverbundene Jugend, wie ich sie auch hatte.


Hanna:

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft mit Vorteilen verbunden ist, wenn man sagt, man kommt aus dem ländlichen Raum in Sachsen. Hast du da auch Erfahrungen gemacht? Und wenn ja, wie stehst du dazu?


Kyra:

Eine Freundin von mir hat mal mit irgendeinem Typen auf Instagram geschrieben, meinte: „Ich komme aus der Nähe von Chemnitz.“ Die erste Rückfrage war: „Sind deine Eltern Nazis?“ Ja, das ist irgendwie hier die Realität. Ich habe einen guten Kumpel, der jetzt nach Leipzig gezogen ist, aber zur letzten Legislaturperiode für den Kreistag bei uns zur Wahl stand. Und es sind solche Leute, bei denen ich merke, dass sie sich einsetzen für das Dorf. Aber ansonsten ist es so unbekannt. Also für mich ein großer Punkt ist: Wenn ich gefragt werde, wo kommst du her?, dann ist meine erste Antwort: „Okay, ich komme aus Mittelsachsen.“ Die nächste Antwort ist dann: „Okay, so Nähe Mittweida.“ Die nächste Antwort, wenn Deutsche es dann wirklich immer noch genauer wissen wollen, dann sage ich: „Ja, okay, so bei Rochlitz.“ „Ja, okay, Zettlitz.“ Ja, aber es ist ja immer noch nicht der Ort, wo ich wohne. Es ist einfach nur meine Gemeinde, aber es kennt keiner. Und an sich ist das nicht schlimm. Ich bin gerne in dieser Anonymität, aber es ist irgendwie…Es sind Leute hier, und diese Leute wollen auch anerkannt werden in ihrem Sein. Und wenn wir hier im Hinterland kaputtgespart werden, dann merken wir das. Und es ist sehr traurig, wenn Bus-, Zugverbindungen gekürzt werden, wenn in den ganzen Städten alles zumacht, alles tot ist, es keinen Bäcker mehr gibt, keine Eisdiele, kein Friseur. Das Einzige, was noch da ist, ist dann vielleicht der Döner. Was sehr cool ist. Wenn das das Letzte ist, was überlebt, dann finde ich das sehr schön. Dann kriege ich wenigstens noch ein warmes Abendessen, wenn ich nicht mehr kochen möchte. Aber ich möchte doch trotzdem meine Brötchen haben oder Brot vom Bäcker. Ach, Schulen haben wir auch nicht. Auch Freunde von mir, die können nicht aufs Gymnasium gehen, weil kein Gymnasium in der Nähe ist. Die müssten dann auch in die Oberschule gehen, was einfach nicht deren Potenzial entspricht. Und das ist ja aber politisch gesehen wirklich schwach, dass Leute, die ein ländliches Gebiet besiedeln, das ansonsten leer steht, und die Leute, die dann halt sonst in den Städten wohnen würden, Wohnungsprobleme erschweren würden, dass denen das Leben schwer gemacht wird, indem Sachen totgespart werden, weil wir als unwichtiger erscheinen.


Weronika:

Ich glaube, gerade Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hat man wahrscheinlich noch am wenigsten auf dem Schirm, weil Brandenburg Berlin in der Nähe hat und in Brandenburg hast du einfach massenweise inzwischen diese Schlafstädte, wo Leute einfach nur zum Schlafen nach Hause kommen und sonst in Berlin arbeiten. Und in Sachsen hast du immerhin noch Dresden und Leipzig. Aber auch Mittelsachsen jetzt noch mal, wo nicht mal mehr der ICE in Riesa anständig hält. Es fühlt sich aber falsch an, da nicht zu halten, muss ich sagen.


Kyra:

Ja. Wenn man in Bayern im Urlaub ist oder in Österreich, dann hat man das Gefühl, dass selbst diese einzelnen Höfe eine eigene Bushaltestelle haben, die angefahren wird. 


Hanna:

Wenn man sich Gesamtdeutschland anguckt, ist da sehr viel, was in die Kategorie ländlicher Raum zählen würde. Es ist aber tatsächlich so, dass die ländlichen Räume in Westdeutschland tendenziell die sind, wo noch mehr finanzielle Mittel vorhanden sind. Das heißt, das sind eher sozioökonomisch stärkere Regionen und im Osten ist es eben nicht so. Und es ist dann eben auch so, dass gerade die Kommunen, die halt viel auch die öffentlichen Infrastrukturen zur Verfügung stellen, einfach sehr wenig Geld haben. 


Kyra:

Und was dann die Folge davon ist, dass die Kommunen nicht viel Geld haben, ist, dass sie eingemeindet werden in irgendwelche größeren Städte und die Verbindung dahin unglaublich weit weg ist, keine Verbindung mehr zwischen den Menschen in den einzelnen Orten da ist. Und da haben wir hier unglaublich großes Glück. Wir haben die ganze Verwaltung an die nächstgrößere Stadt abgegeben, aber sind als Gemeinde immer noch eigenständig, da wir einen Agrarbetrieb hier haben, der viel, viel Steuern zahlt, und wir somit eine sehr reiche Gemeinde sind und uns auch mal eine neue Bushaltestelle leisten können. 


Weronika:

Hast du noch ein paar abschließende Worte?


Kyra:

Ja, ich möchte Menschen zurechtweisen, die diese stehende Infrastruktur und den Leerstand hier nutzen, um ihre Ideologie unter Menschen zu bringen. Weil sie hier billig Immobilien kaufen können, billig Land kaufen können, und das dann ausnutzen können, um hier die tendenziell schon rechte Gesellschaft noch weiter zu ziehen und zu treiben und Hass verbreiten. Und das ist total falsch, denn vielleicht zieht der Sachse eine Fresse, oder hat ein bisschen ein resting bitch face, wenn man ihn anspricht. Und vielleicht haben wir auch nicht den besten Ruf. Aber eigentlich sind wir herzensgute Menschen, und ich finde es schade, dass diese strukturellen Probleme so ausgenutzt werden.


Danke an Kyra für das Interview und danke an Ingeborg und Christiane für die Kontaktvermittlung!

Weronika



 


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Der Tatort – ein (ost)deutsches Kulturgut?

Am 13.07.26 haben wir mit Amelie Rehm über ein Thema gesprochen, was erst auf den zweiten Blick etwas mit Ostdeutschland zu tun hat - der Tatort. Amelie hat an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

 
 
 

Kommentare


bottom of page