Alle Jahre wieder Landtagswahl im Osten - warum die Ossi-Wochen out sind
- Eastplaining Blog
- vor 12 Stunden
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Bei meiner morgendlichen Tasse Tee wurde ich gestern von der Radiomoderatorin darauf aufmerksam gemacht, dass Steffen Mau am Freitag im DLF Kultur zu Gast sein wird. Ich bin schon seit ausreichend langer Zeit in der Ost-Bubble unterwegs, um diesen Namen zu erkennen. Ich dachte, hey, wie nett, dass sie mit ihm ein Interview führen. Hat er verdient. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Natürlich interviewen sie ihn. Es sind ja Ossi-Wochen.
Es sind ja was?
Ossi-Wochen, der Zeitraum im Herbst, in dem Ostdeutschland auf einmal zum gut klickenden, spannungsgeladenen Debattenthema in den Medien wird. Besonders stark ausgeprägt in den Jahren, in denen es entweder Jubiläen zu feiern gibt (35 Jahre Mauerfall, deutsche Einheit, et cetera) oder in denen Landtagswahlen im Osten stattfinden. Letzteres ist aktuell der Fall, im September wird in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Auf einmal überschlagen sich alle, um über Ostdeutschland, über die DDR, die Transformation, die heutigen Lebensrealitäten im Osten zu berichten. Es werden Wahlergebnisse erklärt, die noch gar nicht gewählt wurden.
Dass die Ossi-Wochen existieren, ist schon lange bestätigt - vor allem an und um die Einheitsfeiertage im Herbst. Diese Analyse von 2024 zeigt außerdem, dass der Osten nicht vor, sondern nach Bundestagswahlen überdurchschnittlich häufig thematisiert wird. Auf Ost-Landtagswahlen geht die Analyse nicht ein. Was ich schade finde, denn zumindest in den letzten paar Jahren bekomme ich immer mehr das Gefühl, Ost-Landtagswahlen (die ja auch im Herbst stattfinden) bieten eine willkommene Ergänzung zum Programm der Ossi-Wochen. Erst die Wahlvorbereitung (“hey, Ostdeutschland ist immer noch anders als Westdeutschland”), dann die Schockwirkung der Wahl (“wie kann die AfD schon wieder so zugelegt haben?”), dann die Nachsorge um den dritten Oktober herum (“die Ossis sind zwar anders und vielleicht alle rechtsradikal, aber wir sind doch alle Menschen/ gehören doch alle zum selben Land”). Ob es dieses Jahr wieder so werden wird, weiß ich nicht. Mit dem Zuwachs der AfD in Sachsen-Anhalt ist für mich nichts vorhersagbar, was nach der Wahl passieren wird.
Wir haben schon über die Ossi-Wochen geschrieben und uns auch schon zur Genüge darüber beschwert. Dieses Jahr ist allerdings einiges anders. Denn wir sind mittlerweile selbst Teil der Ostdeutschland-Diskurs-Maschine. Die Anfragen, die von Medien zum Thema Ostdeutschland ausgesendet werden, landen in unserem eigenen Postfach. Wir geben Interviews. Wir erklären den Osten.
Und natürlich freuen wir uns jedes Mal, wenn eine Anfrage kommt, denn es ist ja schon irgendwie cool, wenn ein überregionales (also teilweise deutschlandweit verfügbares) Medienhaus dich fragt, ob du bei ihnen zu Gast sein kannst. Hätten wir auch nicht gerade damit gerechnet, als wir mit Eastplaining angefangen haben. Und immerhin werden für die Ossi-Wochen-Berichterstattung mittlerweile mehr Stimmen aus Ostdeutschland berücksichtigt - wenn schon nicht im Rest des Jahres.
Für uns ist es praktisch, wir sind nicht nur ostdeutsch, sondern auch jung und geben damit ein hervorragendes Beispiel für jede Journalistin ab, die zeigen will, dass da drüben eben nicht nur alte, rechte Wutbürger wohnen. Und genau deswegen macht sich bei jeder Anfrage immer öfter ein komisches Gefühl breit, eine Art bitterer Beigeschmack. Wenn mir Journalist:innen sagen, sie würden meinen Beitrag gerne noch vor den Landtagswahlen ins Programm bringen, dann kann ich mir einen sarkastischen Kommentar nur mit sehr viel Professionalität verkneifen. Natürlich wollt ihr mich vor den Landtagswahlen interviewen. Wen interessiert denn in eurem westdeutschen Publikum noch Ostdeutschland, wenn die Wahlen vorbei sind?
Zumindest die Redaktionen scheinen also davon auszugehen, dass das Interesse im Westen knapp bemessen und zeitlich begrenzt ist - was ja vielleicht gar nicht stimmt. Das ist schade, sagt aber sehr viel über die Haltung westdeutscher Journalist:innen zu Ostdeutschland aus. Der Osten ist nur in einem sehr klar definierten Rahmen relevant, wenn es nämlich einen konkreten Aufreißer gibt. Man könnte es noch weiter spinnen: Mein persönlicher Eindruck ist, dass über Ostdeutschland nur berichtet wird, wenn das, was die Ossi machen, für Westdeutsche wichtig werden könnte. So wie bei den Wahlen. Nur könnte das dem Westen bzw. den westdeutsch geprägten Medienhäusern dieses Jahr auf die Füße fallen. Denn je nachdem, was in Sachsen-Anhalt nach der Wahl passiert, wird es Konsequenzen für alle haben, egal ob ost- oder westdeutsch.
Man stelle sich einmal Wessi-Wochen vor. Wie würden die aussehen? Würden ostdeutsche geprägte Medienhäuser ein- bis zweimal im Jahr westdeutsche Wissenschaftlerinnen, Politiker und Meinungsmacher interviewen, vielleicht zum Tag des Grundgesetzes oder vielleicht auch zum Tag des Mauerfalls (war der nicht auch für Westdeutschland relevant?). Alle würden sich ergehen in Analysen, warum Westdeutschland so ist, wie es ist. Das Wahlverhalten der Westdeutschen würde auf den Prüfstand gestellt. Junge Westdeutsche würden dazu befragt, warum der Westen immer noch anders ist als der Osten. Absurd, nicht wahr? Warum ist es absurd? Weil wir uns daran gewöhnt haben, dass Westdeutschland die Norm ist und Ostdeutschland die Abweichung. In den persönlichen Biografien von Bundespolitikerinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen. Als Thema in den überregionalen Medien. Als Standort von Medienhäusern.
Es wird nicht in “Ostdeutschland” gewählt, sondern in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Sind nicht eigentlich Beiträge von und Gespräche mit den Menschen wichtiger, die tatsächlich in diesen Bundesländern leben? Aber wie selbstverständlich werden Weronika und ich angefragt, obwohl wir kein vertieftes Wissen zur politischen Lage in diesen Bundesländern haben. Uns qualifiziert ausschließlich unser (angeblicher) Status als Ostdeutschland-Kennerinnen - reicht aus, um was zur AfD im Osten sagen zu können, das ist wohl das, was dann in den Redaktionssitzungen besprochen wird.
Letztendlich befördern die Ossi-Wochen damit nicht nur in den Redaktionen, sondern auch beim Publikum eine Haltung, die uns leider oft bei westdeutsch sozialisierten Personen begegnet: das, was in einem Ost-Bundesland passiert, passiert in allen Ost-Bundesländern. Wenn es um den Westen geht, unterscheidet die Berichterstattung nach Bundesländern statt übergreifende Aussagen zu treffen. In Ostdeutschland, da ist das nicht notwendig. Da ist doch eh alles gleich, egal, ob man in Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern unterwegs ist.
Ich plädiere dafür, dass jede:r Medienschaffende kritisch in den Spiegel schaut und sich überlegt, wo und wann man selbst zu den Ossi-Wochen beiträgt - und was man vielleicht anders machen könnte. Letzten Endes sind die Ossi-Wochen auch auf einen Fehler im System zurückzuführen: Zu wenige Journalist:innen kommen aus dem Osten und zu wenige überregionale Medienhäuser sind im Osten ansässig. Dies gilt es mit höchster Dringlichkeit zu ändern.
Hanna

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