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Vornamen im Osten

Weniges gebrauchen wir im Leben vielleicht so häufig wie unseren Vornamen. Sicherlich prägen sie uns auch auf eine gewisse Weise. Und Weniges ist so alt wie die Tradition, sich überhaupt Namen zu geben - wie sollte man sich sonst eindeutig zuordnen können? 

Dass Namenstrends je nach Jahr und Weltregion unterschiedlich sind, ist ebenfalls bekannt. Während beispielsweise Namen wie Sophia, Emilia, Noah und Matteo aktuell in Deutschland weit vorne liegen, sind Ade, Chinedu und Obinna in Nigeria beliebt und Isabella und Santiago in Mexiko gerne vergebene Namen der letzten Jahre. Mein eigener Name “Weronika” kommt zwar in Deutschland nicht besonders häufig vor - erst recht nicht mit dieser Schreibweise - führte jedoch in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren die polnische Hitliste der weiblichen Vornamen immer wieder an. 


Wenn jemand nach “ostdeutschen Vornamen” fragt, fallen den Menschen sofort einige Klassiker ein. Allen voran “Mandy”. Und nicht selten werden mit diesem Namen auch direkt gewisse Stereotype verbunden: weniger gebildet, etwas primitiv, zur Unterschicht gehörend. Aber auch Namen wie Peggy, Sandy, Cindy, René, André, Mike, Jennifer oder Ronny tauchen im Osten häufiger auf - und das nicht unbedingt in der jüngeren (meiner) Generation. Wie inzwischen mehrere Recherchen und Dokumentationen belegen - so zum Beispiel eine des MDR - standen diese Namen in den 1970er und 1980er Jahren für Modernität und Westempfinden. Die Menschen kannten diese Namen aus dem Fernsehen und wollten zeigen, dass auch sie “dazugehören” zu jenen, die Englisch verstehen und weltbürgerlich sind. Gerade in der DDR, in welcher Reisefreiheit nicht gerade zu den bürgerlichen Rechten zählte, war es vielleicht auch eine Form des Ausdrucks für ebendiese Gefühle, seinem Kind einen “modernen” Namen zu geben.  Und natürlich gibt es einfach zu jeder Zeit bestimmte Namenstrends, die sich daran orientieren, was die Gesellschaft gerade toll findet. 


Um besser zu verstehen, welche Gründe es für die unterschiedlichen Namen in Ost und West gab (und vielleicht gibt?), habe ich die Leiterin des Namenkundlichen Zentrums Dr. Dietlind Kremer kontaktiert, die an der Universität Leipzig zu Namen forscht. Sie leitete mir auch einen Aufsatz von Damaris Nübling der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zu ebendiesem Thema weiter. Einige der Erkenntnisse daraus möchte ich im Folgenden zusammenfassen. 

Interessanterweise gehen die Namen erst ab den 1970er Jahren so richtig auseinander, und ebenfalls ist belegt, dass es klassen- und bildungsabhängige Benennungsunterschiede gibt. Namen wie Nicole, Yvonne, Sandra, Cindy und Mandy wurden primär in sogenannten “bildungsfernen” Elternhäusern vergeben, während die Töchter akademisch gebildeter Eltern Namen wie Anne, Franziska, Katharina, Julia oder Caroline trugen. 

Als besonders prägnanten Ost-West-Unterschied benennt Nübling die Verbreitung slawischer Namen. Instinktiv werden wahrscheinlich viele vermuten, dass russische Vornamen eher in der DDR als in der BRD verbreitet waren. Weit gefehlt! Wie exemplarisch am Namen Tanja gezeigt wird, ist das Gegenteil der Fall. Russische Vornamen waren in der DDR trotz der Omnipräsenz des “großen Bruders” extrem unbeliebt. Möglicherweise kann dies als stiller Protest gedeutet werden, der sich in der Namensgebung widerspiegelt. Die Häufung des tschechischen Vornamens Jana hingegen steigt ab den 1970er Jahren in der DDR - ein Hinweis auf versteckte politische Demonstration nach dem Einmarsch der Russen in die CSSR 1968? In der BRD erfreute sich der Name keiner großen Beliebtheit, wohingegen russische Namen deutlich verbreiteter waren als in der DDR.

Nübling weist darauf hin, dass westeuropäische Namen in der DDR überproportional häufig für den Nachwuchs ausgewählt wurden. Französische und italienische Namen erfreuten sich großer Beliebtheit, dies wird in der Literatur gelegentlich als “Westsucht” oder “Sehnsucht” gedeutet. Dazu gehören Namen wie André oder Jacqueline, die sich schon durch ihre Schreibweise deutlich von “deutschen” Namen unterscheiden. Auch Endungen auf -y, die im Westen kaum vorkamen, wurden in der DDR immer wieder gewählt, so etwa Ronny, Mandy (möglicherweise auf den Hit “Oh Mandy” von Barry Manilow zurückzuführen), Cindy (Cindy und Bert!) oder Robby. Anglo-amerikanische Namen werden bis heute stark mit dem Osten assoziiert - auch Mädchennamen, die auf -een enden wie Marleen, Doreen, Kathleen, Eileen, Maureen. (Übrigens kenne ich für wirklich fast jeden bisher genannten Namen mindestens ein Beispiel aus meinem weiteren Umfeld!). Bei Jungennamen fällt die Verwendung italienischer Namen besonders auf, und zwar solcher, die nicht einmal in Italien selbst so beliebt sind, wie Silvio/Sylvio oder Enrico/Rico (auch hier fallen mir wieder mehrere Personen ein). 


Es ist natürlich interessant, sich zu fragen, warum all diese französischen, italienischen und amerikanischen Namen in der DDR so beliebt waren, und sicherlich ist es zutreffend, dass man sich weltoffen und nicht-russisch geben wollte. Aber es ist doch ebenfalls interessant, zu ergründen, warum ebendiese Namen im Westen eben nicht so häufig vergeben wurden. Nübling nennt hier wie für die DDR gesellschaftliche Gründe: Während beispielsweise italienische Namen in der DDR für Weltoffenheit gestanden haben mögen, wurden sie in der BRD im gleichen Zeitraum mit den italienischen Gastarbeitern assoziiert (wenngleich diese andere Namen trugen) und eher negativ wahrgenommen. Auch der ausgeprägte Antiamerikanismus in der Jugend seit den 1960er Jahren verhinderte, dass Kindern in der BRD amerikanische Namen gegeben wurden, während sich Eltern in der DDR bewusst dem “Westen” und nicht der Sowjetunion verbunden fühlen wollten und daher entsprechende Namen für ihre Kinder wählten. Dass sich diese Wahrnehmungen drehen können, zeigt Nübling an der steigenden Beliebtheit italienischer Namen in der BRD heute - nun wird Italien als attraktives Urlaubsland wahrgenommen. Russische Namen hingegen wurden in der BRD nicht wie in der DDR so unmittelbar negativ mit dem “großen Bruder” in Verbindung gebracht, dass man sie meiden wollte.


Spannend finde ich noch, dass es einige Namenstrends im Osten gibt, die sich nicht so einfach erklären lassen. Dazu gehören beispielsweise Ilona, Marlies und Liane. Dr. Dietlind Kremer hat diese Namen für mich über ihr Programm überprüft, die Grafiken füge ich dem Beitrag an (Quelle: Programm:  CartonymUL, Namenkundliches Zentrum Universität Leipzig). Warum diese Namen im Osten so viel häufiger vergeben wurden als im Westen, bleibt vielleicht für immer ein Rätsel. 

Besonders spannend finde ich aber auch die Ergebnisse jener Namen, die laut www.beliebte-vornamen.de (tolle Seite!) heute eher im Osten als im Westen vergeben werden - nämlich Luna, Oskar und Karl. Seit 2006 wurden im Osten aber mehr Oskars geboren als im Westen, Karls sammeln sich seitdem besonders in Mecklenburg-Vorpommern und auch “Luna” erfreut sich im Osten größerer Beliebtheit. Leute, was ist los?? Ich habe dazu Kontakt mit Knud Bielefeld aufgenommen, dem Namensforscher und Betreiber der Webseite. Er schrieb mir, dass in Sachsen und Umgebung Retronamen besonders beliebt sind - also solche, die vor 100 Jahren in der Mode waren und nun wiederkommen. Dazu zählen neben den bereits genannten Karls und Oscars auch die Namen Kurt, Erwin, Egon, Otto, Hans, Rudi, Edgar, Hilda, Martha, Gerda und Wilma.  Mit der freundlichen Genehmigung Knud Bielefelds teile ich hier einige der Verbreitungsdiagramme von seiner Website


Verteilung der Vornamen Karl, Oskar und Luna bei Geburten bis 1978...


Quelle: Programm:  CartonymUL, Namenkundliches Zentrum Universität Leipzig


 ...vs. ab 2006/ 2012


Beispiele für im Osten heute beliebtere Namen


Beispiele für im Osten häufiger vorkommende Namen bei Geburten bis 1978

Quelle: Programm:  CartonymUL, Namenkundliches Zentrum Universität Leipzig


Spaßeshalber habe ich auch um die Auswertung der Namen Hanna und Weronika gebeten. Hanna war zu DDR-Zeiten scheinbar eher norddeutsch geprägt, Weronikas gab es wenige!


Es zeigt sich jedenfalls deutlich: Kontexte prägen die Namensgebung. Dass der Kontext sich so sehr abzeichnet, hätte ich jedoch nicht gedacht. Ich frage mich auch, wie bewusst die Vornamen von den “stereotypisch” benannten Menschen ausgewählt wurden und welche wahrscheinlich viel größere Rolle die unterbewussten Prägungen gespielt haben, wenn sich ein Paar dafür entschied, sein Kind eben nicht Tanja, sondern Mandy zu nennen. 

In jedem Fall finde ich, dass wir uns vielleicht etwas weniger über Namen lustig machen sollten. Sie wurden immer zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Setting gegeben. Es ist doch auch irgendwie spannend, darüber nachzudenken, woher das kommt - und in gewisser Weise zeigt es, was die Eltern und damit auch die Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit - oder in einem bestimmten sozialen Gefüge - beschäftigt hat. Namen verraten weniger etwas über uns und unsere Fähigkeiten und mehr darüber, in welcher Zeit und unter welchen Umständen unsere Eltern ihn uns gegeben haben. Und wenn bestimmte Namen tatsächlich stärker mit sogenannten “bildungsfernen” Schichten in Verbindung gebracht werden, sollten wir, anstatt uns darüber lustig zu machen, lieber darüber nachdenken, was das über die Chancengleichheit im Bildungsbereich in unserem Land aussagt. 


Müssen wir alle Namen schön finden? Nein. Ich selbst bin ein begeistertes Mitglied der Facebook-Gruppe “That name isn’t a tragedeigh, it’s a murdyghrr”, in welcher regelmäßig absurde (meist US-amerikanische) Namen gepostet werden. 

Aber letztendlich sollten wir doch lieber darauf achten, was die Menschen sagen und tun, anstatt darauf, wie sie heißen. Auch, wenn es unseren nach Mustern suchenden Gehirnen manchmal schwerfällt. 


Weronika


Vielen Dank an Dr. Dietlind Kremer und Knud Bielefeld für ihre freundlichen Auskünfte bei meiner Recherche und die Genehmigung zur Nutzung der Grafiken!







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