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Der Tatort – ein (ost)deutsches Kulturgut?

Am 13.07.26 haben wir mit Amelie Rehm über ein Thema gesprochen, was erst auf den zweiten Blick etwas mit Ostdeutschland zu tun hat - der Tatort. Amelie hat an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Politik- und Filmwissenschaft studiert und studiert aktuell an derselben Uni im Master Journalismus.


Hanna: Bevor wir inhaltlich anfangen – was ist eigentlich dein Ost-West-Bezug, Amelie?


Amelie: Ich bin nach dem Abi von Görlitz nach Rheinland-Pfalz gezogen und habe dort Politikwissenschaft studiert, bin aber in Sachsen aufgewachsen. Meine Eltern sind Ende der 1990er nach Görlitz gezogen, bis dahin war der Ostbezug in meiner Familie nicht so groß. Meine gesamte Familie kommt aus Westdeutschland, nur mein Opa ist 1960 aus der DDR rüber in den Westen.


Weronika: Erzähl mal, worüber du deine Bachelorarbeit geschrieben hast.


Amelie: Es ging um die Frage, wie die deutsche Identität durch die Wiedervereinigung beeinflusst wurde und inwiefern sich diese Identität in ost- und westdeutschen Tatorten anders darstellt. Ich wollte einerseits über ein Thema mit Ostdeutschland-Bezug bzw. DDR-Bezug schreiben, weil das in meinem Studium bis dahin nicht angeboten worden war – nicht ein einziges Seminar oder Vorlesung. Und der Tatort kam dann von mir, weil ich selbst großer Fan bin.


Weronika: Kannst du den Tatort im kulturellen Erbe Deutschlands verorten? Warum ist es wichtig, dass Tatorte repräsentativ sind?


Amelie: Den Tatort gibt es seit 1970 und das Konzept ist immer noch sehr erfolgreich, vor allem durch die starke Regionalisierung: jedes Team hat seine eigene Region oder Stadt. Mit den Jahren hat sich das immer weiter ausgeprägt, sodass irgendwann bestimmte Eigenschaften mit den Tatorten aus bestimmten Orten verbunden wurden; beispielsweise ist der Tatort aus Münster bekannt als der lustige Tatort. 

Bestimmte Sachen wie die Titelmelodie sind auch immer gleichgeblieben – das wirkt sehr identifizierend. Der Tatort hat sich zwar sehr gewandelt, bleibt aber trotzdem ein wichtiger Bestandteil der deutschen Fernsehkultur. Krimis sind generell ein guter Ort, um Identität und moralische Vorstellungen einer Gesellschaft festzuhalten. In dem Sinne ist der Tatort vielleicht eine große kulturelle Zeitkapsel.


Hanna: Wie war das mit dem Tatort und der Wende? Was war der erste ostdeutsche Tatort und wurde der gut angenommen?


Amelie: Während der DDR gab es relativ bald den Polizeiruf, um dem Tatort etwas entgegenzusetzen, der ja aus dem Westfernsehen bekannt war. Den ersten Tatort nach der Wende kann ich sehr empfehlen, die Folge heißt Unter Brüdern und wurde 1990 ausgestrahlt. Das ist ein Crossover von einem Polizeiruf- und einem Tatort-Team. Sie haben versucht, die Wiedervereinigung filmisch darzustellen, mit vielen Klischees, aber man merkt die Versuche der Annäherung. 

Der erste richtige ostdeutsche Tatort kam im Jahr 1992. Die beiden Ermittler waren in Dresden und später in Leipzig, das wurde auch gut angenommen vom west- und ostdeutschen Publikum. Diesen ostdeutschen Tatort gab es bis 2007. 


Weronika: Welche Ost-Tatorte gibt es noch?


Amelie: Nach 2007 kam ein neues Leipziger Team bis 2015, die dann vom neuen Dresdner Team abgelöst wurden, was es immer noch gibt. Um 2015 wurden dann noch Weimar und Erfurt als Tatort-Teams etabliert, da gab es zwischenzeitlich drei ostdeutsche Teams. Der Weimarer Tatort sollte eigentlich nur bei einer Folge bleiben, aber weil er so gut ankam, wurde er dann tatsächlich einige Jahre lang produziert. Der Erfurt-Tatort hat nach zwei Folgen aufgehört. Nachdem das Team des Weimar-Tatort irgendwann auch aufgehört hatte, gibt es jetzt nur noch Dresden. Und die natürliche Ordnung ist wieder hergestellt: es gibt einen ostdeutschen Tatort inmitten von westdeutschen.

Der Tatort Dresden wird nach den nächsten paar Folgen, die schon abgedreht sind, für mindestens drei Jahre auf Eis gelegt, weil der MDR sparen muss. Ob es dann weitergeht, ist unklar, weil man nicht weiß, wie die Finanzen in drei Jahren aussehen. Deswegen wird es ab nächstem Jahr erst mal ein paar Jahre lang keinen ostdeutschen Tatort geben.


Hanna: Merkt man es den Produktionen an, dass sie aus Ostdeutschland kommen?

Amelie: Im Dresdner Tatort wird auf jeden Fall Regiolekt gesprochen: Der Chef der beiden Hauptermittelnden ist ein Alt-DDRler, der Sächsisch spricht und insgesamt sehr ostdeutsch rüberkommt. Außerdem hast du bei einem Tatort in Dresden natürlich die Möglichkeit, mal eine Folge zu machen, in der zum Beispiel die Stasi-Vergangenheit einer Figur eine Rolle spielt. In einer Folge kamen auch ein paar Schlager-Fans vor, die dann sehr stark sächsisch gesprochen haben. Es ist auch mal ein Pegida-Typ durchs Bild gelaufen. Ansonsten ist das Thema kein Aufhänger.


Hanna: Das erfüllt sehr das Klischee „älterer Mann spricht Regiolekt, junge und gebildete Frauen sprechen Hochdeutsch“, oder?

Amelie: Eine der Schauspielerinnen, die die Hauptermittlerinnen spielen, kommt sogar aus der Region. Ich finde es schade, dass die beiden die ganze Zeit Hochdeutsch sprechen, wenn man schon mal die Möglichkeit hat, Schauspieler:innen aus der Region einzusetzen, die vielleicht Regiolekt sprechen könnten.


Hanna: Sind Regiolekte also ein Faktor, der für die deutsch-deutsche Identitätsbildung im Tatort wichtig ist?

Amelie: Auf jeden Fall. Ich habe eine Tatort-Folge aus Dresden mit einer Folge aus Freiburg verglichen. In Freiburg wurde kein Regiolekt genutzt, höchstens mal ein Wort oder einen Satz. In Dresden gibt es den Kommissar, der sächselt. Außerdem gibt es auch eine Figur mit polnischem Hintergrund, sodass an einer Stelle auch Polnisch gesprochen wurde. Da schlagen sich eben verschiedene Lebensrealitäten nieder.


Hanna: Was sind die anderen Tatort-Faktoren, die für die deutsch-deutsche Identität relevant sind

Amelie: Zusätzlich zu Sprache und Dialekt habe ich mir angeschaut, wie sich die visuelle Gegenüberstellung von Generationen in den beiden Folgen unterscheidet. Außerdem habe ich die Darstellung von Queerness, die Darstellung von Migrationsgeschichten und die Darstellung des Kontrasts zwischen Arm und Reich verglichen.


Hanna: Was waren die Hauptergebnisse deiner Arbeit?

Amelie: Die Identitäten, die im Dresdner Tatort dargestellt worden sind, sind sehr gemeinschaftsbezogen: wenn du Teil der Gemeinschaft bist, sind alle gleich und es gibt keine Abstufungen. Das deckt sich auch sehr mit meinen Ostdeutschland-Erfahrungen und der DDR-Geschichte. In dem Tatort gibt es sehr viele Lebenrealitäten: arm, reich, mit und ohne Migrationsgeschichte, queere und nicht-queere Charaktere. Die haben alle auf einer Ebene existiert und diese Unterschiede wurden nicht explizit thematisiert, sondern der Gedanke des Kollektivs war viel stärker vorhanden.

Im Freiburger Tatort wurden diese Lebensrealitäten viel mehr in Hierarchie gestellt: „wir waren arm, wir haben es aber rausgeschafft und sind jetzt aus diesem Viertel rausgezogen“. Ich fand es spannend, dass dieser Kollektivgedanke vor allem in der einen Folge präsent war und in der anderen nicht.


Weronika: Hast du einen key takeaway, also das wichtigste Ergebnis deiner Arbeit?

Amelie: Mein key takeaway ist, dass der Dresdner Tatort in der Tatort-Landschaft wichtig ist. Er hat eine Art, Lebensrealitäten abzubilden, die andere Tatorte nicht haben.


Hanna: Du hast es oben schon erwähnt – der Dresdner Tatort wird aber auf Eis gelegt. Was heißt das für die Ost-West-Lebensrealitäten im deutschen Fernsehen?

Amelie: Wenn du keinen ostdeutschen Tatort hast, ist es schwer, ostdeutsche Lebensrealitäten abzubilden. Du kannst vielleicht in einem München-Tatort einen Charakter einführen, der aus dem Osten hingezogen ist, aber nicht diese Bandbreite an ostdeutschen Lebensrealitäten. Ich finde es schade, dass der Tatort jetzt wieder zu so einer westdeutschen Marke wird.

Du kannst in dem Format Tatort alles machen, und das nutzen sehr wenige Autor:innen und Regisseur:innen aus. Dresden war immer ein Team, das auch mal was ausprobiert hat. Wenn Dresden wegfällt, wird der Tatort dadurch auch ein Stück langweiliger.

Das ostdeutsche Pendant zum Tatort war der Polizeiruf. Es gab immer vier, fünf ostdeutsche Polizeiruf-Teams – und aus irgendeinem Grund ein Team in München. Der Polizeiruf aus Magdeburg bricht jetzt auch weg, weil der MDR das Geld nicht hat, der Polizeiruf aus Halle wurde bereits vor Kurzem eingestellt. Der BR hat das Geld aber und deswegen wird der Polizeiruf in München weitergeführt. Das finde ich in einem sehr ostdeutsch geprägten Format schade. Ich habe aber auch keinen Lösungsvorschlag, weil das Geld beim MDR eben nicht da ist. Man könnte ja einen Rostock-Tatort machen.


Hanna: Das wäre meine nächste Frage – wir haben über den MDR geredet und wir wissen alle, dass dort wenig Geld da ist. Aber es gibt noch den RBB und den NDR, die auch für ostdeutsche Flächenländer da sind. 


Weronika: Potsdam, Rostock, Greifswald, …


Amelie: Ich verstehe schon, dass man darauf eingehen muss, was das Publikum möchte. Aber man hat dadurch immer Angst, die Gewohnheiten der Menschen zu unterbrechen. Deswegen machen so wenige Tatorte Experimente: weil sie denken, die Leute wollen das nicht sehen. In Kiel gab es sehr lange den gleichen Ermittler, der aber aufgehört hat. Jetzt gibt es weiter einen Tatort aus Kiel, nur mit anderen Ermittler:innen. Da hätte man doch was daraus machen können, einen Tatort in Mecklenburg-Vorpommern oder so. Einfach mal ein bisschen mehr Osten wagen im Tatort.

Im Tatort wird Normalität vermittelt: was gehört zu uns, was gehört zu der nationalen Gemeinschaft, die sich jeden Sonntag zum Tatort einfindet. Sobald du subtil diese Linie wieder ziehst, sobald der Osten da abgeschnitten wird, erzeugt das wieder die Wahrnehmung, dass der Osten nicht richtig dazugehört.

Die Einschaltquoten von Dresden waren nicht schlecht. Die Folgen wurden von ost- und westdeutschen Zuschauenden gesehen. Auch die westdeutschen Durchschnitt-Tatort-Zuschauer:innen hätten sich Sonntagabend um acht hingesetzt und einen Tatort aus Dresden, Leipzig, Greifswald geschaut. Einerseits spielt natürlich das Regionale eine Rolle, aber eben auch die Teams. Das Tatort-Team wird über Jahre etabliert, mit Charakteren, die ein Alleinstellungsmerkmal bilden. Denkt euch tolle Charaktere aus, die in der ostdeutschen Stadt ermitteln, dann kriegt ihr alle Zuschauer:innen vor den Fernseher und bildet gleichzeitig ostdeutsche Lebensrealitäten ab. Ich habe das Gefühl, man traut den Leuten nicht genug zu.


Hanna: Brauchen wir alternativ einen gesamtdeutschen Tatort-Geldtopf?


Amelie: Ich kenne mich zu wenig mit der Finanzierung des ÖRR aus, um da eine fundierte Meinung zu haben. Aber wenn ich mir eine Idealvorstellung mache – ja, warum nicht? Wir können auch eine Art Solidaritätszuschlag entwickeln oder so. Es ist nicht nur der Tatort, es ist so viel, was beim MDR wegbricht. Leute, helft doch dem MDR.

Es gab auf KiKa mal einen Tatort für Kinder, krimi.de. Der war ein Banger. Es gab Jena, Erfurt und Leipzig als ostdeutsche Teams, die hatten sogar die meisten Episoden. KiKa sitzt ja auch in Erfurt – warum gibt es das nicht mehr?


Weronika: Hast du noch ein Abschluss-Statement für uns zum Tatort in Deutschland?


Amelie: Darüber haben wir noch nicht gesprochen, aber: lasst mehr junge Leute ran. Lasst mehr junge Leute Tatorte schreiben und drehen. Und vor allem: lasst mehr junge Leute aus Ostdeutschland so etwas machen. Gebt mehr jungen Filmemacher:innen die Chance, sich da auszuprobieren.


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