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Was ist dran am Jammerossi?

Im September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die AfD erzielt in Umfragen Rekordwerte und könnte ihr Ergebnis im Vergleich zu 2021 verdoppeln, zumindest wenn es nach der letzten Wählerbefragung vom 13.05.26 geht. Über Gründe für den Erfolg der AfD und ihre Kommunikation im Osten haben wir schon viel geschrieben. Der heutige Beitrag soll diesem Katalog noch einen Faktor hinzufügen, denn: nur, wenn man ein Problem versteht, lässt es sich angehen. 


Dass es am Verstehen von Rechtspopulismus weiterhin mangelt, wird offensichtlich, sobald man sich die aktuell immer noch vorherrschende Rhetorik anhört - “wenn wir ihre Probleme lösen (= Menschen abschieben), dann wählen sie die AfD nicht mehr”.  Während dieses Argument auf den ersten Blick logisch erscheint, sagt der Blick in die Fachliteratur etwas ganz anderes - die Gründe für den Erfolg solcher Parteien sind sehr viel diverser. Mit Übernahme und vermeintlicher Lösung ihrer Themen kann man nicht gegen die AfD ankommen, das sagen Politikwissenschaftler:innen seit Jahren (hier auch ein sehr aufschlussreicher Text aus 2023, warum das eben nicht funktioniert).


Das Argument ist nach wie vor in den Köpfen verfangen - und hat dazu geführt, dass die EU (“Menschenrechte! Demokratie!”) mit islamistischen Terroristen zusammenarbeiten möchte, um Islamismus zu bekämpfen, während rechtspopulistische und -extreme Parteien in aller Ruhe stärker werden. Auch in Deutschland der klare Trend, dass “Migration verringern” und “AfD halbieren” wenig miteinander zu tun haben: die Netto-Zuwanderung sinkt rapide, die am EU-Recht kratzenden Grenzkontrollen gehen in die dritte Verlängerung seit 2024, während die AfD die CDU mit 6 Prozent Vorsprung in den Umfragen überholt.


Also müssen andere Erklärversuche herhalten, und zwar solche, die weniger mit einer objektiven als mit einer subjektiv wahrgenommenen Welt zu tun haben. Heute geht es um einen Faktor, der vielleicht besonders im Kontext Ostdeutschland interessant ist. In den Sozialwissenschaften spricht man von “relativer Deprivation”: ich denke, dass es mir schlechter geht als [meinem Nachbarn/den Migranten/den Wessis/meiner Oma in der DDR] (Versteegen 260). Man unterscheidet zwischen verschiedenen Formen: mir geht’s selbst schlechter als anderen (individuelle relative Deprivation) oder meiner Gruppe geht es schlechter als anderen Gruppen (gruppenbezogene relative Deprivation, Urbanska & Guimond 2018: 2). 


Das Konzept existiert schon seit mehreren Jahrzehnten und wird immer wieder im Zusammenhang mit anderen Phänomenen getestet, zum Beispiel Vorurteilen gegenüber Einwanderern (Urbanska & Guimond 2018: 2). Es liegt nahe, dass diese wahrgenommene Benachteiligung auch von Parteien der extremen Rechten genutzt wird, um Gruppendenken zu fördern (siehe auch Hameleers 2019). Eine Studie aus 2018 untersucht das Phänomen in Frankreich: die Wahrnehmung von gruppenbezogener Deprivation hängt stark mit der Unterstützung der französischen Rechtspopulist:innen zusammen. Mehr noch, die Autor:innen argumentieren, dass die wahrgenommene gruppenbezogene Benachteiligung auch Leute für rechtsextreme Parteien gewinnen kann, die sich sonst eher nicht als “extrem rechts” identifizieren würden (Urbanska & Guimond 2018: 2).


Eine länderübergreifende Studie aus 2022 zeigt, dass relative Deprivation vor allem in wohlhabenden Ländern mit Rechtspopulismus zusammenhängt (Cena et al. 39). Das bestätigt, dass es nicht unbedingt die objektiven Zahlen und Fakten sind, die zur Abstimmung für rechtspopulistische Parteien motivieren, sondern ihre subjektiven Wahrnehmungen: das Vergleichen des eigenen Lebensstandards mit den “anderen”, Benachteiligung der eigenen Gruppe, Statusverlust und Abstiegsangst. Eine weitere Studie aus 2022 findet Anzeichen dafür, dass EU-Skepsis mehr mit dem Gefühl gruppenbezogener  statt individueller Abwertung zusammenhängt (Abts & Baute 2022: 53). 


Ein weiterer wichtiger Faktor kommt noch dazu: die (N)ostalgie. Auch die kann gruppenbezogen sein: Früher ging’s meiner Gruppe noch gut, bevor die Wessis kamen und hier alles aufgekauft haben (Ich erinnere mich an ein Gartentor-Schild mit der Aufschrift: “Wir danken unserem Genossen Erich Honecker, das er uns 40 Jahre die Wessi’s vom Halse gehalten hat [sic]”, 7,90 €). Ferwerda, Gest & Reny (2025: 1515) finden einen starken Zusammenhang zwischen dieser gruppenbezogenen Nostalgie und rechtspopulistischen Einstellungen. Sie schreiben, dass es genau deshalb nichts bringen wird, einzelne politische Forderungen der rechten Parteien umzusetzen. Stattdessen müssten Abstiegsängste adressiert werden: das kann funktionieren, indem das würdevolle Leben derjenigen sichergestellt wird, die sich mit ihrer Gruppe vom gesellschaftlichen Abstieg bedroht sehen.


Was hat dieses Thema auf dem Ostblog zu suchen? Ich habe keine Studien gefunden, die dieses “Uns-geht’s-schlechter-als”-Phänomen in Ostdeutschland untersuchen, deswegen kann ich hier nur spekulieren. In Ostdeutschland gibt es viele Menschen, die das Land als wirtschaftlich schwach einschätzen, während sie ihre eigene Lage als gar nicht so schlecht bewerten - es geht also gar nicht so sehr um sie selbst, sondern um einen gefühlten Abstieg. Ein großer Teil der Leute (~70%) identifiziert sich mit der Gruppe der Ostdeutschen, fast ein Viertel sehen sich als Wendeverlierer:innen oder auch als Bürger:innen zweiter Klasse. Hier wird vielleicht eine aktuelle Problemlage mit einer besseren Ausgangssituation aus der Vergangenheit verbunden: “mir geht’s heute schlechter als früher”. Der Schritt von “mir geht’s schlechter” zu “meiner Gruppe, den Ossis, geht’s schlechter” scheint da nicht weit zu sein.


Ich nahm letztens an einer Filmvorführung teil, es ging um ein Ost-West-Begegnungsprojekt. Ein paar Tage vorher war ich in Berlin zu einer Podiumsdiskussion. Es waren die Beiträge aus dem Publikum, die ich im Nachhinein am spannendsten fand. Die eigentlichen Themen waren schnell vergessen - schnell ergriffen die Publikums-Ossis und auch -Wessis die Möglichkeit, ihre Klagen und Beschwerden über die jeweils andere Gruppe und ihre eigenen negativen Erfahrungen zum Thema zu machen. In diesem Zuge bestätigten sie so einige Klischees, die sie doch so hartnäckig zurückweisen wollten (Stichwort Jammerossi und Besserwessi). Für mich war es ein Augenöffner, meine eigenen Klagen und Beschwerden mal zu hinterfragen: was bringen sie mir eigentlich?


Was ist die Lösung? Wie kann man der subjektiven Wahrnehmung von Menschen entgegentreten, ihrer Gruppe geht es schlechter als anderen? Ein weiterer Teil des Puzzles könnte in der sogenannten demokratischen Selbstwirksamkeit liegen: nur ein geringer Teil der Ost-Bevölkerung hat wirklich das Gefühl, Politik mitgestalten zu können. Im Umkehrschluss gibt es Anzeichen dafür, dass Menschen mit höherer demokratischer Selbstwirksamkeit (die zum Beispiel das Gefühl haben, im Betrieb mitentscheiden zu können) weniger anfällig für Rechtsextremismus sind. Was man mit diesem Befund macht, nun, das überlasse ich meinen Leser:innen.


Hanna




Quellen:


Abts, Koen, and Sharon Baute. "Social resentment, blame attribution and Euroscepticism: The role of status insecurity, relative deprivation and powerlessness." Innovation: The European Journal of Social Science Research 35.1 (2022): 39-64. 


Cena, Lorenzo, Michele Roccato, and Silvia Russo. "Relative deprivation, national GDP and right‐wing populism: A multilevel, multinational study." Journal of Community & Applied Social Psychology 33.1 (2023): 32-42. 


Ferwerda, Jeremy, Justin Gest, and Tyler Reny. "Nostalgic deprivation and populism: Evidence from 19 European countries." European Journal of Political Research 64.3 (2025): 1506-1518. 


Hameleers, Michael. “Partisan media, polarized audiences? A qualitative analysis of online political news and responses in the United States, U.K., and The Netherlands.” International Journal of Public Opinion Research 31.3 (2019): 485–505.


Urbanska, Karolina, and Serge Guimond. "Swaying to the extreme: Group relative deprivation predicts voting for an extreme right party in the French presidential election." International Review of Social Psychology 31.1 (2018). 


Versteegen, Peter Luca. "Those were the what? Contents of nostalgia, relative deprivation and radical right support." European Journal of Political Research 63.1 (2024): 259-280. 



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