Diskursanteile: Wer redet über den Osten?
- Eastplaining Blog
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Seit über drei Jahren sind Hanna und ich nun sehr aktiv im Diskurs rund um “Ostdeutschland”. In diesem Zeitraum haben wir beide wahrscheinlich Hunderte Gespräche mit allen möglichen Menschen geführt: aus dem Osten, aus dem Westen, jung, alt, außerhalb von Deutschland, außerhalb von Europa, in unseren eigenen Bubbles und darüber hinaus. Immer wieder haben wir uns ausgetauscht, um unsere eigenen Perspektiven zu erweitern (und natürlich manchmal auch, um sie zu bestätigen). Immer wieder haben wir uns bereichert gefühlt, und auch immer wieder verärgert. Nach besonders eindrücklichen Gesprächen pflegen wir die jeweils andere umgehend zu kontaktieren und in teils ausschweifenden Sprachnachrichten von unseren Erfahrungen zu berichten.
Dabei scheint es unumgänglich, in gewisse Stereotype zurückzufallen. Und kürzlich ist uns etwas aufgefallen, dass uns am Anfang unseres Blogs häufiger begegnet ist - Aussagen wie “Ihr wart doch zur DDR-Zeit gar nicht geboren, warum beschäftigt ihr euch damit?” Irgendwie hat es uns überrascht, das “mal wieder” zu hören, denn unseres Erachtens nach gehört dieser Satz vielleicht in das Jahr 2022, aber nicht ins Jahr 2026. (Fragen wie “Sind Ost und West heute denn überhaupt noch relevant?” gehören übrigens ins Jahr 2019.) In den letzten Jahren hat sich auch in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit sehr viel im “Ostdiskurs” getan, das gezeigt hat, dass diese Themen eben noch nicht erledigt sind. Sonst würden sich all die Bücher, Podcasts, Filmprojekte und nicht zuletzt Blogs ja wohl nicht solcher Beliebtheit erfreuen.
Im heutigen Beitrag möchte ich nicht von Grund auf rechtfertigen, warum es wichtig ist, dass auch nach der Wende Geborene etwas zu sagen haben, denn ich denke, dass wir das in über 70 Beiträgen zu Genüge behandelt haben. Vielmehr möchte ich einige generelle Beobachtungen teilen: Wer redet über Ostdeutschland? Und wer meint, (allein) über Ostdeutschland reden zu dürfen?
Neulich nahmen Hanna und ich an einigen Veranstaltungen teil, bei denen junge Menschen auf DDR-Geborene trafen und sich austauschen sollten. Und hier beobachteten wir etwas sehr Interessantes, das die Generationen voneinander unterschied: Wenn darum gebeten wurde, dass sich jede*r in einem Satz vorstellt, gelang das den jüngeren Menschen fast ausnahmslos ohne Probleme, während die älteren, DDR-erfahrenen Personen weit ausholten und scheinbar um jeden Preis die Besonderheiten ihrer (DDR-)Biografie in diesem einen Vorstellungssatz unterbringen wollten (meistens wurden mehrere Sätze daraus). Dass ältere Menschen grundsätzlich in Gesprächen mehr Raum einnehmen, ist mir in dem Sinne nicht neu, wenngleich die gesellschaftliche Wahrnehmung da manchmal anders ist. Natürlich hängt das auch vom Persönlichkeitstyp, der tagesaktuellen Stimmung und vielen weiteren Faktoren ab, nicht zuletzt vom Geschlecht - Männer reden in professionellen Settings deutlich mehr als Frauen, was inzwischen wissenschaftlich bewiesen wurde und den absurden Mythos “Ein Mann, ein Wort, eine Frau, ein Wörterbuch” widerlegt.
Aber es ist natürlich schon eine spannende Frage, was das mit einem Diskurs macht. Schauen wir uns doch den konkreten Fall der Themen DDR und Ostdeutschland an. Für meine wissenschaftliche Arbeit habe ich schon sehr, sehr viele Interviews mit Zeitzeug*innen geführt, aber auch in anderen Kontexten rede ich häufig mit Menschen über ihre DDR-Erfahrung. Wenn es hierbei darum geht, etwas über das Leben im Unrechtsstaat, biografische Verwerfungen und persönliche Erlebnisse zu erfahren, ist das absolut großartig. Ich bin dankbar dafür, in einer Zeit leben zu dürfen, wo es möglich ist, sich mit den Menschen zu unterhalten (und dankbar dafür, dass mich besonders jene Geschichte interessiert, die noch nicht allzu lange her ist, und nicht zum Beispiel die Antike).
Allerdings merke ich auch in anderen Kontexten, dass Menschen mit DDR-Erfahrung Gespräche dominieren, in denen es nicht ausschließlich um ihre Erfahrungen geht: den Austausch mit “Westdeutschen” und den transgenerationalen Austausch. Sie nutzen diese Gesprächsräume, in denen es um ein Miteinander geht, teilweise für eine Selbstdarstellung, die man Leuten aus dem Osten so vielleicht gar nicht zugetraut hätte. Wieder ein Klischee, diese fehlende Selbstvermarktung? Scheinbar, denn selten war ich so platt wie nach “Austauschgesprächen” mit einigen ehemaligen DDR-Bürger*innen. Auch in diesem Kontext fallen Aussagen wie “Was ist eigentlich der Grund, warum ihr hier seid, ihr seid doch lange nach der DDR geboren und habt da keine Erfahrungen gemacht?”, die interessiert klingen, aber nach kurzem Ansatz direkt wieder gekapert werden, um von den eigenen Erfahrungen als Bausoldat oder im Stasi-Gefängnis oder als Zwangsausgebürgerter zu erzählen.
Versteht mich nicht falsch: Ich finde die Geschichten dieser Menschen unfassbar spannend, bereichernd und historisch wichtig. Es sollte für immer ein zentraler Aspekt der Geschichte sein, sich mit dem Schicksal einer Bevölkerung zu beschäftigen, die in einer Diktatur aufgewachsen ist und leben musste. Ich möchte meine eigenen Erfahrungen - die ja in einer Demokratie unter ganz anderen Bedingungen entstanden sind - auch gar nicht gegen die Erfahrungen meiner älteren Mitbürger*innen ausspielen, sie miteinander vergleichen oder überbewerten. Aber in wirklich kaum einem anderen Kontext als dem Osten ist mir aufgefallen, wie sehr ehemalige DDR-Bürger*innen solche Gespräche komplett einnehmen und dominieren, ohne den Blick auf die Perspektiven von jüngeren Menschen zu lenken.
Ich denke, dass dieses Verhalten sich zu einem großen Teil aus der Überzeugung erschließt, dass a) ihre Geschichte singulär, b) nicht allgemein bekannt und c) interessanter als andere Geschichten ist. Das mag sicherlich zutreffen.
Sicherlich mokiere ich mich auch immer wieder darüber, dass die DDR in vielen Lehrplänen nicht vorkommt, dass Menschen in westlichen Bundesländern sich nicht ausreichend für den Landesteil im Osten interessieren und grundsätzliches Wissen fehlt. Aber es ist eine vereinfachende, falsche Tatsache, dass Menschen im Westen nichts über den Osten wissen, Menschen im Osten aber bestens über den Westen informiert sind. Und ich glaube, dass genau das im Kern hinter dieser Haltung steht, im persönlichen - nicht gesellschaftlichen! (dafür fehlen uns ja immer noch die Strukturen, könnte man jetzt sagen) Diskurs so zu dominieren. Der Osten erzählt, der Westen hört zu - auch mit dem Gedanken im Hinterkopf: “Endlich kommen wir mal zu Wort, endlich haben wir die Möglichkeit, unsere Empfindungen zu äußern.” Ich habe Verständnis für dieses Gefühl. Ich sehe, dass es aus der Erfahrung kommt, sich im gesamtdeutschen Diskurs oft ungehört und zu wenig repräsentiert zu fühlen. Gleichzeitig rechtfertigt das aus meiner Sicht aber nicht eine Kehrtwende um 180° in jedem Gespräch, in welchem man die Möglichkeit bekommt, etwas “zu sagen”.
Während ich das so schreibe, nehme ich mich da nicht unbedingt heraus, sicherlich habe auch ich das eine oder andere Gespräch über den Osten dominiert. Aber das war besonders zu Beginn so, als ich ständig das Gefühl hatte, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich aus dem Osten komme. Mittlerweile empfinde ich das ganz anders, und es stört mich massiv, wenn in einer Runde, in der es um gemeinsame Perspektiven gehen soll, der jüngeren Generation jeglicher sinnvolle Redebeitrag abgesprochen und sofort als Möglichkeit für Eigenwerbung - in diesem Fall weitschweifige Erläuterungen zur eigenen Biografie - genutzt wird. Und das ist uns (und nicht nur uns!) mehr als nur einmal passiert, sonst würde ich nicht diesen Beitrag schreiben. Manchmal glaube ich, dass das Bewusstsein dafür, dass auch andere Menschen und auch andere Personengruppen mit Schwierigkeiten im eigenen Lebensweg konfrontiert waren, bei Menschen mit DDR-Erfahrung manchmal wenig ausgeprägt ist.
Natürlich ist es besonders, in einer Diktatur aufgewachsen zu sein, und natürlich ist es richtig und wichtig, darüber zu sprechen. Ich bin den Menschen dankbar für alles, was sie geleistet haben, um gegen diesen Unrechtsstaat vorzugehen. Aber das gibt ihnen meines Erachtens nicht das Recht, davon auszugehen, dass ihre Erfahrungen so besonders sind, dass sie über alle anderen Erfahrungen gestellt den gesamten Gesprächsraum einnehmen dürfen. Platt gesagt: Nicht nur reden, sondern auch zuhören! Es geht nicht darum, Erfahrungen zu entwerten, sondern darum, die Erfahrungen der anderen nicht zu unterbewerten. Auch Ostdeutsche wissen nicht immer, was ihre gleichaltrigen Westdeutschen erlebt haben und mit welchen Problemen sie klarkommen mussten. Und viele machen sich keine Vorstellung davon, wie es ist, in der Nachwendegeneration aufzuwachsen und von jungen Menschen mit Vorurteilen über “den Osten” konfrontiert zu werden, weniger vertraut mit Strukturen zu sein und immer wieder das Gefühl zu haben, auch von der älteren Generation abgetan zu werden mit den Worten “ihr kennt das ja alles gar nicht mehr”.
Bezogen auf den DDR/Ostdeutschland-Diskurs stören mich, wie ich gemerkt habe, die exorbitant hohen Redeanteile der ehemaligen DDR-Bürger*innen bei nur geringer Beteiligungsmöglichkeit meiner Generation. Mich stören natürlich auch westdeutsche Medien, die den Osten “erklären” wollen, mich stört jegliche Form von Arroganz und besonders jegliche Form der Absprache von Erfahrungen. Ein großes Problem ist aus meiner Sicht, dass viele ältere Menschen den Ost-Diskurs als DDR-Diskurs wahrnehmen, dabei geht es doch mittlerweile um noch mehr als die DDR-Erfahrungen: Die Transformation, die Zeit nach der Wende, die Zeit heute, und wie ostdeutsche Spezifika immer noch unser gesellschaftliches und privates Leben prägen. Und an ebendieser Stelle haben auch junge Menschen etwas “zu sagen”.
Deshalb möchte ich alle wirklich bitten, offener miteinander umzugehen und einander besser zuzuhören, und zwar nicht nur einseitig von West nach Ost, sondern auch umgekehrt und über Generationen hinweg. Wir alle sind als Persönlichkeiten das Produkt verschiedenster Einflüsse und Umwege des Lebens. Und deshalb plädiere ich für einen ausgeglicheneren Diskurs und ausgeglicherene Gespräche zum Thema Osten und DDR.
Ich kann mir vorstellen, dass dieser Beitrag gar nicht so gut ankommen wird. Schon beim Tippen versuche ich mögliche Reaktionen darauf zu verdrängen und kann nur wiederholen: Ich meine das nicht als Angriff, sondern eher als einen leicht frustrierten Ausruf, uns doch auch einmal zu Wort kommen zu lassen - und das nicht nur in den Medien der “Jugend” (da denke ich insbesondere an die sozialen Netzwerke), sondern auch in anderen Gesprächsräumen. Ich glaube wirklich, dass es für alle Seiten eine Bereicherung sein könnte, wirklich miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn momentan fühle ich mich einfach nur erschlagen, wenn jemand mir auf die einfache Frage “Kannst du dich bitte in einem Satz vorstellen?” einen achtminütigen Monolog hält. Superspannend, aber nicht für diesen Moment gedacht.
Falls sich nun Menschen weiterhin fragen, was meine Generation denn zum Ostdiskurs beizutragen hat, kann ich das Buch “Postwendekinder. Für eine solidarische und gleichberechtigte deutsch-deutsche Zukunft”, herausgegeben von Alma-Emilia Jahn, Marlene Mähler und Angelique Pershon, wärmstens empfehlen. Auch Hanna und ich haben je einen Beitrag dazu verfasst. In insgesamt 34 Beiträgen verschiedener Autor*innen kristallisiert sich heraus, welchen Beitrag wir “Nachgeborenen” leisten können und warum es sich lohnen könnte, uns zuzuhören. Nicht zuletzt kommen dort auch Stimmen zu Wort, die im klassischen Ostdiskurs viel zu oft untergehen: Menschen mit Migrationsgeschichte, queere Menschen, solche, die allgemein als “Randperspektiven” gelten und deren Erfahrungen doch unersetzlich sind für das Mosaik eines Ostens, wie er wirklich ist.
Und gerade, wenn es um Zukunftsperspektiven geht, sollten möglichst viele Stimmen gehört und berücksichtigt werden - nicht nur und auch nicht überwiegend jene der älteren Generation.
Letztlich möchte ich noch einmal alle ermutigen, über ihre Erfahrungen zu sprechen - sowohl jene, die die DDR hautnah erlebt haben, jene, die nach ihr im Osten geboren wurden, und auch alle anderen. Aber sprecht nicht nur zueinander, sondern auch miteinander.
Weronika
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