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Was gibt noch Hoffnung?

vor 10 Minuten
4 Min. Lesezeit

Die Wahlen sind vorbei. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. (Oder, für weniger informierte Menschen: Die Wahlen in “Ostdeutschland”). Die Presseanfragen, die uns bis September zu Dutzenden erreichten, sind nun versiegt. Bei der Arbeit und im Sportverein in Aachen muss ich nicht mehr erklären, “warum die da so rechts sind” oder mir Geschichten darüber anhören, “dass das da ja so schön ist, schade, dass man da nicht mehr hinfahren kann”. Die Menschen haben sich neuen Themen zugewendet, über “den Osten” wird wohl erst wieder bei der nächsten Landtagswahl gesprochen. Dieser Beitrag kommt reichlich spät. Zu Hanna meinte ich diese Woche schon “langsam wird es peinlich”. Aber in den letzten Wochen bin ich relativ spontan umgezogen, hatte Urlaub, war ostmüde. Ja, wir sind alle ein bisschen ostmüde. 

Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir seit Jahren die gleichen Gespräche führen, immer dieselben Argumente hervorbringen und am Ende des Tages doch wieder die gleichen Ossi-Wochen vor jeder Landtagswahl in einem der fünf bekannten Bundesländer erleben. Dann ein Aufschrei nach den Wahlergebnissen, ein paar soziologische Analysen, und weiter geht’s. Oder eben nicht weiter, sondern zurück zur “normalen” Berichterstattung über Kriege und andere Krisen. Ermüdend. 


Für den heutigen Beitrag habe ich mir deshalb vorgenommen, ein paar hoffnungsvolle Aspekte anzuschauen. Was gibt noch Hoffnung?


Mir gibt Hoffnung, dass in Sachsen-Anhalt die Mehrheit (57%) der Menschen nicht die AfD gewählt hat, in Mecklenburg-Vorpommern waren es sogar 61,8%. Bei all den sich wiederholenden Debatten muss ich immer an all jene denken, die dort wohnen (und teils wählen) und am allermeisten unter den sich verändernden politischen Verhältnissen leiden. Denen ist nicht geholfen, wenn sich in einer Talkshow Menschen in Berlin oder Mainz darüber Gedanken machen, warum der andere Teil denn so gewählt hat, wie er gewählt hat. Deren Alltag ist teilweise ganz konkret bedroht, und wir fokussieren uns auf etwas Anderes. (Das ist jetzt schon wieder null hoffnungsvoll). Aber mir geben all diese Menschen Hoffnung, die dort sind und bleiben und sich der AfD entgegenstellen, und sei es nur durch ein anders gesetztes Kreuz auf dem Wahlzettel. Menschen, die sich für Kunst, Kultur, Wissenschaft, gelebtes Miteinander einsetzen - und ich meine das nicht nur als Floskel. Das ist harte Arbeit. Menschen, die durch ihre Arbeit zu einer besseren Gesellschaft - zu einer überhaupt funktionierenden Gesellschaft - beitragen: Erzieher*innen, Pfleger*innen, Lehrkräfte. Ganz normale Menschen. 


Mir geben die Landschaften und die Natur Hoffnung. Die Ruhe, die ich im dicht besiedelten NRW immer wieder vermisse. 


Essen gibt mir auch Hoffnung. (Nicht die Stadt, die Nahrung - das ist im Kontext NRW etwas missverständlich). Regionale Speisen, für die ich seit jeher eine Faszination hege: Soljanka, Eier in Senfsoße, Arme Ritter, Quarkkäulchen, Letscho, Kalter Hund, ganz viel Wackelpudding. Ich finde es schön, dass es regionale Speisen gibt, die Menschen verbinden, unabhängig davon, wo sie in ihrem Leben einmal landen werden. Wie Musik und Gerüche erinnern und Speisen vermutlich häufig unbewusst an eine unbeschwerte Kindheit und lassen uns ausatmen und zur Ruhe kommen. Und das ist für mich der Kern der Menschheit: Anderen begreiflich zu machen, dass wir alle, kollektiv, als gesamte Menschheit, solche Gerüche, Töne und Geschmäcker haben, die uns etwas wie Geborgenheit verleihen. Sie unterscheiden sich teils enorm voneinander, aber wir alle haben so etwas und möchten es nicht hergeben. Nun anzuerkennen, dass auch der Gegenüber solche Erinnerungen hat und ihm oder ihr das zuzugestehen, bedeutet, seine Menschlichkeit anzuerkennen. Das noch entkoppeln von der Idee, dass “Heimat” immer der Ort sein muss, an dem man geboren wurde (oder an dem die Eltern, Großeltern,... geboren wurden) und wir könnten eine ein klein bisschen bessere Gesellschaft haben. 


Utopien geben mir Hoffnung. Laut Duden ist eine Utopie “eine Idee, die so wirklichkeitsfern oder fantastisch ist, dass man sie nicht verwirklichen kann”. Kürzlich habe ich einige meiner alten Tagebücher gelesen und war davon berührt, dass ich mit 16 geschrieben habe: “Noch glaube ich daran, dass wir die Welt verändern können. Ich bin sogar fest davon überzeugt. Aber wahrscheinlich habe ich in zehn Jahren meine Meinung geändert.” Es ist nun neun Jahre später und tatsächlich habe ich meine Meinung ein Stück weit geändert. Die Realität der letzten neun Jahre hat mir gezeigt, dass sich die Welt oft in Richtungen verändern kann, die mir ganz und gar nicht passen. Aber nun - Utopien? Meine Utopie ist eine gerechte Gesellschaft, in der regionale Verschiedenheiten existieren, geachtet und gefeiert werden, ohne, dass sie eine Auswirkung auf den sozialen Status und Bildungschancen haben. Muss ich daran glauben, dass es möglich ist, um daran zu arbeiten?

Philosophisches Gejammer, dass Gerechtigkeit eine Utopie ist, bringt nichts. Lasst uns einfach trotzdem weitermachen. Verlieren können wir nichts. Vielleicht muss man nicht daran glauben, das perfekte Ziel zu erreichen, um trotzdem einen Schritt darauf zuzugehen. 


Es mag absurd klingen, aber auch die Geschichte gibt mir Hoffnung. Ich empfinde eine große Dankbarkeit den Menschen gegenüber, die dafür gesorgt haben, dass ich frei leben, lernen, arbeiten, schreiben und reisen darf. Es ist nicht der Fall, dass NICHTS erreicht wurde. Aber die Tatsache, dass etwas erreicht wurde, geht auch mit der Verpflichtung einher, diese Freiheit zu verteidigen - und zwar vor allem gegen Menschen, die hier gerne die Verhältnisse der 1930er und 1940er Jahre wiederherstellen würden. 


All diese Hoffnungsaspekte zeigen mir, dass es genug Gründe dafür gibt, weiterzumachen. Mit dem Blog, mit den immer wiederkehrenden Gesprächen über “warum-ist-der-Osten-so-rechts”, mit der Unterstützung all jener, die nicht wie ich entspannt aus meinem Arbeitszimmer in Aachen schreiben, sondern in Sachsen gegen Ungerechtigkeiten und Rechtsextremismus auf die Straße gehen. 

Für jedes ermüdende Gespräch gibt es eine Initiative, die sich für Gerechtigkeit, Sichtbarkeit, Unterstützung im Osten und für ostdeutsche Perspektiven einsetzt. Manchmal hilft es mir, einfach die Beiträge meiner engagierten Kolleg*innen durchzugehen und dadurch Kraft zu tanken. Auch das gibt mir Hoffnung. 

Wir laden euch alle dazu ein, euch nach einer dieser Initiativen umzuschauen (sie schießen überall regelrecht aus dem Boden) und sie in welcher Form auch immer zu unterstützen. Vergesst nicht all die Menschen, die sich vor Ort für unsere Demokratie einsetzen und dabei dafür kämpfen, dass unsere Freiheit nicht verloren geht. Aktuell planen wir, auf unserem Blog eine neue Seite mit Verlinkungen zu all diesen Initiativen zu erstellen. Wenn ihr eine seid oder eine kennt - kommt gerne auf uns zu. Das ist unsere Form der Vernetzung (fernab der sozialen Medien, mit denen Hanna und ich weiterhin etwas fremdeln). 


Bleibt stabil. Wir sind nicht allein. 

Weronika 


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