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Hat Eastplaining die AfD befeuert?

vor 11 Minuten
8 Min. Lesezeit

Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sind vorbei. Neben den üblichen „Wie denken die Ossis“-Beiträge gab es dieses Jahr auch eine Art Gegenbewegung zu beobachten. Besonders die FAZ hat sich damit hervorgetan. In den zwei Wochen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt am 06. September veröffentlichte die FAZ nicht weniger als vier Beiträge, die alle auf die eine oder andere Art die Position vertreten, man hätte von Ostdeutschland jetzt langsam mal genug:


22.08.: „Viele Westdeutsche haben mittlerweile die Nase voll“ von Reinhard Bingener und Oliver Georgi

27.08.: „Die westdeutsche Solidarität ist keine Illusion“ von Reinhard Bingener

01.09.: „Der gefährliche Opfermythos der Ostdeutschen“ von Detlef Pollack


Die Überschriften erwecken nicht nur den Eindruck, dass sich da eine einzelne Person in der Redaktion ein bisschen am Thema abarbeiten durfte, sie sind auch ausreichend polarisierend, dass man die hochkochenden Gefühle vor den Wahlen angemessen in Social-Media-Kommentare umsetzen kann.


Interessant ist, dass eine Google-Suche nach „FAZ Westdeutschland“ unter den ersten zehn im Monat Mai vorgeschlagenen Ergebnissen einen einzigen Artikel zur Ost-West-Debatte ergibt. Dieselbe Suche im Zeitraum August ergibt 9 Artikel, von denen sich 9 mit Ostdeutschland, den Sachsen-Anhalt-Wahlen und der Ost-West-Debatte zu beschäftigen scheinen. Das Konzept „Westdeutschland“ scheint in dieser Basis der guten alten BRD-Demokratie, als die sich die FAZ zu verstehen scheint, wohl nur während der Ossi-Wochen wichtig. Vielleicht braucht es mal eine westdeutsche Identitätsdebatte?


Andere Leute haben an anderer Stelle inhaltlich besser auf einige der Beiträge reagiert, als ich das könnte, deswegen möchte ich mich damit hier nicht aufhalten. Es sei nur so viel gesagt: Auch viele Ostdeutsche haben die Nase voll. (Tatsächlich ist das Nase-voll-haben eine der Eigenschaften, die aktuell West und Ost am erfolgreichsten zusammenbringen könnte.)


Ein interessanterer Artikel, der sich zumindest teilweise in diese Gegenbewegung einreiht, ist am 24.09. im Onlineportal Übermedien erschienen: Schluss mit der Ost-(V)erklärung von Andrej Reisin. Der Autor übt mehr oder weniger offene Kritik an denjenigen, die die Frage nach einer „Ost-Identität“ in die Medien tragen, weil sie mit dieser Ost-Identität seiner Meinung nach eine Basis für das Erstarken der AfD gelegt haben. Die Namen, die er in diesem Zusammenhang nennt, sind so unterschiedlich wie deren Werke: von Dirk Oschmann geht es über Jana Hensel und der Dritten Generation Ost bis hin zu Ilko-Sascha Kowalczuk und Petra Köpping. Und letzten Endes fühle auch ich als Eastplaining-Autorin mich von seiner These angesprochen, weswegen ich hier zumindest teilweise eine Antwort auf den Text formulieren möchte. Hat Eastplaining die AfD befeuert, indem wir ostdeutsche Identität thematisieren?


Hängt die Ost-Debatte mit den AfD-Erfolgen zusammen?


Im Artikel wird eine durchaus zutreffende Beobachtung dargestellt: Die Ost-West-Debatte der letzten Jahre bestand darin, dass Medien in schöner Regelmäßigkeit den oder die neu/e Ost-Erklärer:in finden. Auch wir sind solche Erklärerinnen, wir haben es ja sogar im Namen stehen (dass dieser Name eine Anspielung ist auf die wiederkehrenden Fragen von Menschen aus Westdeutschland, ob wir ihnen nicht mal den Osten erklären könnten – nun, nebensächlich). Der Artikel beklagt eine „Infrastruktur der Ost-Perspektiven“, die dazu geführt hätte, dass „wir viel zu viel über ‚ostdeutsch‘ als Identität [reden]“ und dass Ostdeutschland sich nicht über fehlende Aufmerksamkeit beklagen könne, eher im Gegenteil.


Der Anstieg der AfD-Ergebnisse fand zeitgleich mit der Entwicklung der Ost-Erklärungs-Mühle statt. Dies wird vom Autor als Indiz dafür ausgelegt, dass die Thematisierung von Ost-Identität der AfD den Weg bereitet hat – indem die AfD das Gefühl von Benachteiligung, fehlender Anerkennung und eigener Gruppenidentität für ihre Zwecke ausnutzt. Faktoren, die laut ihm in den Erklärungen zu kurz kommen, sind das Stadt-Land-Auseinanderdriften sowie die Verbreitung von rassistischen und völkischen Grundeinstellungen.


Es gibt einige Punkte im Artikel, die ich sofort unterschreiben würde, nicht zuletzt deswegen, weil wir sie in der Vergangenheit auch schon so formuliert haben. Dass wir zum Beispiel nicht verstehen, warum im Zusammenhang mit der AfD immer nur über Ostdeutschland gesprochen wird, obwohl bei der letzten Bundestagswahl 70% der AfD-Stimmen in westdeutschen Bundesländern abgegeben wurden. Dass den Stadt-Land-Unterschieden mehr Aufmerksamkeit gebührt, weil der Populismus der AfD auch etwas mit dem Gefühl von Abgehängt-Sein zu tun hat und die Herausforderungen des Alltags im ländlichen Raum politisch zu wenig thematisiert werden. Dass die Ost-West-Debatte diverser werden muss, indem über Rassismuserfahrungen oder queere Identität gesprochen wird. Oder auch, dass es nichts mit Rassismus zu tun hat, wenn Ostdeutsche wegen ihres Ostdeutsch-Seins benachteiligt werden. Und nicht zuletzt: dass es auch in Westdeutschland einen Zusammenhang zwischen strukturschwachen Räumen und AfD-Zustimmung gibt.


Nichtsdestotrotz gibt es einige Punkte, in dem ich den Argumenten des Autors entweder zusätzliche Punkte anmerken oder ihnen klar widersprechen muss. Denn diese sind, meiner Meinung nach, wichtig dafür, um zu verstehen, ob die Ost-Erklärer:innen der letzten Jahre zu einem Aufstieg der AfD beigetragen haben.


  1. Beteiligung Ostdeutscher am Mediendiskurs


„Niemand kann ernsthaft behaupten, ostdeutsche Stimmen hätten keinen Platz in überregionalen Medien“, so schreibt es Andrej Reisin. Der Autor widerspricht damit Leuten wie mir, die seit Jahren mehr Beteiligung von Ostdeutschen am Medienmarkt fordern – mit dem Argument, dass es schon zahlreiche Formate gibt, die Ostdeutschland thematisieren, in der ZEIT im Osten, in der taz, im MDR, in der OAZ.


Dass trotzdem 90% des Mediendiskurses von Westdeutschen geprägt wird, ist vom Tisch (ganz abgesehen von der Tatsache, dass die ZEIT im Osten nur im Osten erhältlich ist, der MDR in ostdeutschen Bundesländern sendet und man die OAZ in Freiburg wahrscheinlich nicht am Kiosk kaufen kann). Laut dem Elitenmonitor sind im Jahr 2024 10,3 % der Positionseliten in den Medien mit Menschen besetzt, die in Ostdeutschland geboren wurden. Das sieht für mich nicht nach einer angemessenen Beteiligung von ostdeutschen Stimmen in den Medien aus, sondern eher danach, dass du als junger Mensch signifikant schlechtere Chancen hast, in Medienhäusern erfolgreich zu sein, wenn du in den ostdeutschen Flächenländern geboren wurdest (außer, jemand stellt dich für ein Ost-Format ein, denn die sind laut Artikel wie Sand am Meer zu finden.)


Für den Autor reicht die häufige mediale Thematisierung des Ostens aus, um zu schlussfolgern, dass Ostdeutsche schon längst genug an den Medien beteiligt sind. Aber die Tatsache, dass zu viel über Ost-Identität gesprochen wird, sagt nichts darüber aus, ob Ostdeutsche in den Medien gleiche Chancen haben. Es deutet eher darauf hin, dass der Journalismus-Nachwuchs aus dem Osten, wenn es denn mal welchen gibt, dafür zuständig gemacht wird, die „Ost-Themen“ abzuhandeln.


Ich selbst habe schon vor Jahren geschrieben, dass Ostdeutsche mehr in die Medien müssen, und zwar nicht nur für Ost-Themen. Weil Ossis eben nicht nur zu ihrer eigenen Ost-Identität was zu sagen haben. Ich bin sicher, der Autor würde mir da zustimmen – denn wir wollten ja gar nicht mehr so viel über Ost-Identität reden, oder?


  1. Korrelation ist nicht gleich Kausalität


Andrej Reisin stellt die Überlegung an, ob die pausenlose Frage nach einer „Ost-Identität“ in den letzten Jahren die AfD befeuert hat. Gleichzeitig bringt er die AfD-Erfolge in Westdeutschland zur Sprache – und für mich stellt sich da die Frage, wie das zusammenpasst. Ja, in Ostdeutschland kann die AfD prozentual höhere Ergebnisse einfahren, aber, wie vom Autor beobachtet, kommt der Großteil der Stimmen aus westdeutschen Bundesländern und steigt der AfD-Stimmanteil auch in migrantisch geprägten Gemeinden im Westen. Dort wird die Partei ja wohl kaum aufgrund von Simson-Ästhetik und Ossi-Rhetorik gewählt, noch weniger aufgrund von intellektuellen Ergüssen der Ost-Erklärer:innen über Treuhand, Identität und Lebensleistungen.


Auch in anderen Ländern feiern Rechtspopulisten Erfolge, indem sie Gruppenidentitäten konstruieren und ausnutzen – auch dort, wo diese Identitäten nicht in zig Büchern, Essays oder Podcasts hoch- und runtergeredet werden. Selbst wenn die Ost-Identitäts-Debatte direkt den AfD-Erfolg angeheizt hat, dürfte dieser Zusammenhang wohl schwer zu beweisen sein.


  1. Strukturelle Gründe für AfD-Erfolg hängen mit Ost-West-Kategorien zusammen


Der Autor hat Recht, wenn er kritisiert, dass durch die binäre Ost-West-Linse andere Dynamiken verschwimmen, zum Beispiel Lebensrealitäten in Stadt und Land oder Lebensrealitäten mit und ohne ausreichend Kapital. Aber: viele dieser Dynamiken sind, ob wir es wollen oder nicht, oft mit Ost-West-Kategorien verbunden. Vielen Ost-Erklärer:innen geht es nicht (nur) darum, möglichst viel über die eigene Ost-Identität zu reden. In der Regel geht es ums schnöde Geld.


Reisin schreibt: „Aus einem Konflikt zwischen Besitzenden und Habenichtsen wird ohne guten Grund ein Konflikt zwischen Ossis und Wessis“. Ja, es ist eigentlich egal, ob der eigene Vermieter nun in Hamburg oder Dresden sitzt, wenn man selbst keine Chance auf Eigentum hat. Aber als Person in Ostdeutschland ist man immer noch sehr viel wahrscheinlicher Mieter als Vermieter. Ja, auch in Westdeutschland gibt es arme und strukturschwache Regionen. Aber als Person in Ostdeutschland erbt man durchschnittlich neunmal weniger als in Westdeutschland. Auch der ländliche Raum ist in den ostdeutschen Ländern eher ärmer. Demografische Faktoren wie die hohe Abwanderung oder die lokalen Geschlechtsunterschiede werden im Artikel gar nicht erst erwähnt – und sind doch Faktoren, die besonders in Ostdeutschland wichtig sind, um den AfD-Erfolg zu verstehen. „Ohne guten Grund“, wirklich?


Der Artikel wird begleitet von dem Foto einer sonnenbeschienenen, gut sanierten Straße in Bautzen, wohl auch um zu zeigen, dass Ostdeutschland im Vergleich zu manchen westdeutschen Regionen seine angemessenen Fördergeldermengen abgefasst hat. Vielsagenderweise ist diese gut sanierte Bautzener Straße auf dem Foto absolut menschenleer.


  1. Wer wird kritisiert?


Der Artikel adressiert viele verschiedene Personen, allen voran die Osterklärer:innen (also Leute wie Weronika und mich). Zwischendurch geht es um die west- und ostdeutsche Gesamtbevölkerung, die DDR-Bevölkerung und ihren verdeckten, latenten Rassismus (wo der Ost-West-Unterschied dem Autor auf einmal doch wieder als wichtig erscheint). Die Osterklärer:innen, wer das eigentlich ist, das wird nur überblicksartig beschrieben: In Ostdeutschland aktive Netzwerkprojekte werden genannt, aber auch Journalist:innen und Wissenschaftler:innen.


Wer sich durch den Artikel und seine in Teilen berechtigte Kritik aber erstaunlich wenig angesprochen fühlen darf, das sind die Redaktionen, die uns als Ost-Erklärer:innen immer genau dann anfragen (und bezahlen), wenn man im Vorfeld von Landtagswahlen was Klickbares zu Ost-Identität bringen kann. Für einen Text auf dem Portal Übermedien, die sich der Kritik von Medien und Berichterstattung verschrieben haben, ist das doch erstaunlich.


Ausblick: hat nun Eastplaining die AfD befeuert?


Auf diesem Blog haben wir immer kritisiert, dass medial oft über Ostdeutschland als homogene Einheit gesprochen wird. In diesem Bereich wären wir uns mit Andrej Reisin sicher einig. Des Wunderns wert ist es dann sicher, dass Übermedien neben Reisins Artikel weitere Texte mit „Mehr über Ostdeutschland“ bewirbt.


Reisin schreibt, „die medialen Fürsprecher einer Ostidentität müssen sich die Frage durchaus gefallen lassen, wie diese Wahlergebnisse wohl ohne ihr Engagement aussehen würden. Sollen wir wirklich glauben, ohne die intensive Ost-West-Debatte, die sie immer und immer wieder neu anstoßen und am Laufen halten, hätte die AfD noch mehr Stimmen?“ Da fragt man sich als Eastplaining-Autorin natürlich selbst, ob man auch mit seiner eigenen Erzählung von Ostdeutschland der AfD Nährboden geliefert hat. 


Ich glaube, die Debatten über Ost-Identität und die AfD sind eine Parallelentwicklung, kein kausaler Zusammenhang. Erst der Erfolg der AfD hat dazu geführt, dass ich mich als junger Mensch vor westdeutsch sozialisierten Gleichaltrigen für die AfD im Osten verantworten musste – und mich erst dadurch vermehrt mit meinem eigenen Ost-Bezug auseinandergesetzt habe. Vielen meiner Altersgenoss:innen geht es ähnlich. 


So viele, die sich in den letzten Jahren öffentlich zu ihrer Ost-Identität geäußert haben, tun dies in klarer Abgrenzung von der AfD und ihrer völkischen, vereinnahmenden Vorstellung vom (Ost)deutsch-Sein. Viele von ihnen bleiben gleichzeitig in den ostdeutschen Ländern aktiv, bringen lokal Projekte voran und tragen insgesamt dazu bei, dass die Zivilgesellschaft dort erhalten bleibt. Ost-Identität kann sich nämlich auch darin ausdrücken, dass man sich gegen Abwanderung und Urbanisierung stemmt und seine Stimme weiter in der Provinz Sachsen-Anhalts abgeben will.


Die Glorifizierung von Gruppen ist immer problematisch. Sollte ich aus der Kritik des Autors ableiten, dass auch andere Identitätsdebatten müßig sind? Migrantische Identitäten, queere Identitäten, weibliche Identitäten sind genauso kollektive Konstrukte, die von politischen Bewegungen instrumentalisiert werden können. Wer bestimmt, welche davon gut sind und welche nicht? Wenn Leute benachteiligt werden, sollten sie dann aufhören, darüber zu sprechen, nur weil rechte Kräfte diese Benachteiligungen als Angriffsfläche nutzen?


Was mir sowohl in diesem Artikel als auch in der breiteren Debatte zu kurz kommt, ist ihre innere Vielfalt. Die Argumente, die von Reisin angemerkt werden, sind nicht neu, sondern werden auch von einigen der Ost-Erklärer:innen betont. Reisin kritisiert die ewige mediale Suche nach der einen ostdeutschen Identität. Letzten Endes wurde diese Suche losgetreten von einem Autor, der sich 2024 in einer Streitschrift von der ewigen Wahrnehmung der einen Ost-Identität befreien will – weil er sie für ein westdeutsches Konstrukt hält. Sollten wir alle noch mal einen Blick in sein Buch werfen?


Die eine Ost-Debatte, genauso wenig wie die eine Ost-Identität, gibt es nämlich nicht. Hanna


 
 
 

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