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Ostprägungen meiner Schulzeit

„Was, das ist ein Ostding?“ ist wohl eine der häufigsten Aussagen, die zwischen Hanna und mir fallen, wenn eine von uns, mit der Recherche für einen weiteren Blogbeitrag beschäftigt, die andere auf etwas hinweist. So war es auch kürzlich mit den Topografietests. Für jene, die sich nun fragen, was es damit auf sich hat: Ihr seid vermutlich nicht im Osten Deutschlands zur Schule gegangen. Wie eine nicht repräsentative Umfrage meinerseits unter westdeutsch sozialisierten Menschen in meinem Alter kürzlich ergab (danke an alle, die daran teilgenommen haben), befassten sich Kinder im Erdkunde-/ Geographie-/ Heimatkunde-Unterricht im westlichen Teil des Landes nicht unbedingt jedes Schuljahr damit, die Seen, Flüsse, Städte, Becken, Wüsten und Gebirge des jeweiligen Kontinents einzupauken, um dann in einem Topographietest auf einer stummen Karte ebendiese einzuzeichnen oder, auf einer unbeschrifteten Karte die entsprechenden Topographiemerkmale zu benennen. Manche mussten dies immerhin in der Grundschule tun, wenige auch noch später, aber viele gar nicht. Verrückt! In Sachsen behandelten wir zumindest zu meiner Schulzeit (2007-2019) den Landkreis Görlitz, Sachsen, Deutschland, dann die Länder in Europa, Afrika, Asien, Amerika, Australien und Ozeanien mit ihren jeweiligen Landschaftsmerkmalen. Wie viel davon bei der*dem Einzelnen hängengeblieben ist, das ist natürlich eine andere Frage. Aber diese Entdeckung bestärkte mich in meinem schon etwas länger existierenden Vorhaben, mal einen humoristischen Artikel über Ostspezifika an Schulen zu schreiben. Gleich vorweg: Mir ist bewusst, dass wir in Deutschland 16 verschiedene Bildungssysteme haben. Bildung ist Ländersache und das geht so weit, dass selbst die Schulbücher innerhalb eines Landes teils sogar von den Schulen ausgewählt werden können. Wir haben also eine gigantische Bandbreite an unterschiedlichen Systemen und Lehrplänen. Ich möchte heute auch gar keine tiefgehende Analyse der diversen Lehrpläne vorlegen (wer weiß, vielleicht mache ich das irgendwann noch), sondern subjektiv darauf schauen, welche Ostprägungen ich während meiner Schulzeit erfahren habe. Viel Vergnügen. 

Wenn ich an meine Grundschulzeit denke, verbinde ich damit erste Horterfahrungen nach der Schule. Ich war zwar nicht besonders lange im Hort, aber der Großteil meiner Mitschüler*innen wurde nach dem Unterricht nicht von den Eltern, sondern den Erzieherinnen abgeholt und in den Hort gebracht. Bedauerlicherweise habe ich bisher keine gute Statistik zu Hortkindern in Deutschland gefunden, die Auswertungen des Statistischen Bundesamts zeigen jedoch für die Altersgruppen 0-3 sowie 3-6 eine signifikant höhere Betreuungszeit im Osten als im Westen an. (Quelle: www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kindertagesbetreuung/kindertagesbetreuung-karte.html, abgerufen am 27.5.2026). Es ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend auch nach der Einschulung der Kinder fortsetzt. Auch ganz interessant: In meiner Grundschule gab es neben dem Tafel- und Klassenbuchdienst, den auch die Teilnehmer*innen meiner nicht repräsentativen Umfrage kannten, noch den Milchdienst. Dieser sorgte unter Letzteren für große Verwirrung. Tatsächlich fand ich den Milchdienst ganz cool: Wir konnten in der Grundschule monatlich Milchpäckchen für die Frühstückspause bestellen. Die gab es in den Geschmacksrichtungen Vollmilch, Vanille, Schoko und Erdbeere, und später auch noch fancy Sorten wie Karamell und Banane, wenn ich mich richtig erinnere. Zum Aufgabenbereich des Milchdienstes zählte es, diese Milch morgens vom Hausmeister im eigens dafür existierenden Milchkörbchen abzuholen und das Milchkörbchen dann wieder in den Keller zu bringen. Ich frage mich, ob das immer noch so gemacht wird. Meine Lieblingssorte war jedenfalls Karamell. Bei diesem “Milchdienst” handelt es sich also eher um ein Ostspezifikum - bisher habe ich nur wenige im Westen gefunden, die mit diesem Begriff etwas anfangen konnten (nur in NRW! Und ein paar Leute sagten, das habe es zu “Omas Zeiten” zuletzt gegeben). Der DDR-Generation ist dieser Begriff nicht fremd. Übrigens scheint diese Tradition noch aus der Nachkriegszeit zu stammen - unerernährte Kinder sollten durch die Milch neue Nährstoffe aufnehmen. (Quelle: https://www.thueringenschmeckt.de/2024/09/schulmilch/ abgerufen am 28.5.2026).

Was ist mir noch aufgefallen, außer der bekannteren Tatsache, dass der Polylux im Westen “Overheadprojektor” heißt? Neben “Wer möchte nicht im Leben bleiben” und “Kleine weiße Friedenstaube” im Musikunterricht (typische DDR-Lieder) die Häufigkeit bzw. Existenz von Lied- und Gedichtkontrollen. Während einige Teilnehmer*innen sich daran erinnern konnten, in der Grundschule im Musik- bzw. Deutschunterricht auf Zensur oder freiwillig Lieder vorsingen und Gedichte aufsagen zu müssen, geben andere an, so etwas überhaupt nicht erfahren zu haben. Ich erinnere mich ab der 3. Klasse bis zum Abitur an benotete Liedkontrollen und in fast jedem Schuljahr auch an Gedicht- oder Balladenkontrollen. Persönlich fand ich das nie schlimm, weil ich gut und gerne singe und auch Gedichte sehr freudig auswendig gelernt habe (bis heute sage ich an Ostern gemeinsam mit meinem Vater und meinen Großeltern den “Osterspaziergang” auf). Aber ich kenne durchaus Menschen, für die diese kreativen Kontrollen eine ähnliche Qual waren wie für mich die Leistungskontrollen im Sportunterricht, deren Richtwerte zu meiner Schulzeit noch auf DDR-Richtlinien basierten und bei denen man sich trotz aktiver Teilnahme eine 6 bzw. 0 Punkte holen konnte, wenn das Ergebnis unterhalb der niedrigsten Werte lag. So war es auch einmal beim Ausdauerlauf - ich lief die ganze Stunde mit und erhielt wegen zu geringer Rundenzahl  ebenso 0 Punkte wie eine Mitschülerin, die sich geweigert hatte, mitzumachen. Das empfand ich als sehr ungerecht und habe damals sogar dem Sächsischen Bildungsministerium geschrieben. Aber generell war Sportunterricht meines Erachtens sehr auf gesetzte Leistung, nicht auf individuelle Fitness angelegt. Das jedoch wird etwas weniger ein Problem des Ostens, sondern ein Problem der Bildungssysteme generell sein, wenngleich ein gewisser “Leistungsgedanke” unter DDR-geschulten Sportlehrkräften (ich nenne hier keine Namen, aber wer sie kennt, der weiß es) durchaus dafür gesorgt hat, den Sportunterricht für mich noch unangenehmer zu gestalten, als er es ohnehin schon war. Na, Hauptsache, wir haben in der Grundschule schön brav alle “Sport frei!” gerufen, nachdem wir uns entlang der Linie nach Körpergröße aufgereiht hatten. Kennt ihr nicht? Auch so ein Ostding. 

Gut, bisher alles ganz interessant, aber wenden wir uns mal noch weiteren, leichter problematisch werdenden Erscheinungen zu. Beispielsweise dem Essen. Zumindest im Kindergarten, in der Grundschule und im Hort war es noch relativ “normal”, die Kinder zum Aufessen zu zwingen. Ja, Essen ist wichtig, ja, Verschwendung ist doof, ja, Kinder sollen beides auch lernen, aber eigentlich habe ich erst im Studium so richtig begriffen, dass es nicht gesund ist, sich Essen reinzuzwängen, wenn man überhaupt keinen Hunger mehr hat, und dass es okay ist, sich das einfach für die nächste Mahlzeit aufzuheben. Nicht in den Kindertagesstätten der 2000er Jahre im Ostblock. Jedenfalls nicht in denen, die ich besucht habe. Ich denke schon, dass das mein Essverhalten negativ beeinflusst hat - und irgendwie hätte ich schon Lust darauf, einmal einen separaten Beitrag dazu zu schreiben. Sicherlich gab und gibt es diese Tendenz des “Aufessens” (übrigens auch dann, wenn man sich schon übergeben musste) auch anderswo, es ist sicherlich auch eine Frage der Generationen, aber im Osten ist es mir bisher am stärksten aufgefallen. 

Aber was wurde noch so “erzwungen”? Ich erinnere mich insbesondere auch an Kollektivstrafen, d.h., eine oder einige wenige Person(en) verbocken etwas, und als Resultat wird die ganze Gruppe bzw. die ganze Klasse bestraft - zum Beispiel durch Nachsitzen, Verfassen eines Strafaufsatzes (“Warum ich mich falsch verhalten habe”, auch gerade dann sinnvoll, wenn man GAR NICHTS falsch gemacht hat) oder irgendeiner anderen Stillarbeit, teils auch Streichung von “Privilegien” wie der Hofpause. Sehr pädagogisch wertvoll. Aber ich hoffe mal, dass es all das inzwischen auch nicht mehr gibt. Generell ging es aber auch häufig irgendwie um die Einfügung ins Kollektiv. Meine Klassenlehrerin fragte mich in der 5. Klasse beispielsweise, was denn mit mir nicht stimmen würde, dass ich so wenig mit den anderen Kindern interagierte. Auf die Idee zu fragen, ob vielleicht etwas vorgefallen sei, kam sie nicht. Und solche Beispiele kenne ich zuhauf. Ziel war eine funktionierende Gemeinschaft, und diese funktioniere natürlich dann am Besten, wenn sich der*die Einzelne darin problemlos einfüge. DDR-Pädagogik vom Feinsten. Wir sollten funktionieren, sollten messbar sein an exakt definierten Maßstäben, die teils Jahrzehnte vor unserer Geburt festgelegt worden waren. Individualität in der Schule? Fehlanzeige, und das noch heute, und zwar nicht nur im Osten, sondern überhaupt in den deutschen Bildungssystemen. Noch immer fallen viel zu viele Kinder aus der “Norm”, die keine sein sollte. Noch immer sind aber die Bildungssysteme chronisch unterfinanziert und die Lehrkräfte chronisch überbelastet, sodass es gar nicht möglich ist, die individuelle Entwicklung jenseits derer, die sich “problemlos einfügen”, ausreichend zu fördern. Einzelne Lehrkräfte und Schulen mögen da brillante Ausnahmen sein, die Regel ist es leider nicht. Besonders Kinder aus Nicht-Akademikerhaushalten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Behinderung werden weiterhin systematisch benachteiligt. Dringender denn je zuvor brauchen wir einen Systemwandel!

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, habe ich viel als ungerecht empfunden, manches hinterfragt, einiges als gegeben hingenommen. Mit etwas Abstand sehe ich, dass der Großteil meiner Lehrkräfte - gerade in der Grundschule, weniger als 17 Jahre nach der Wende - natürlich noch während der DDR studiert hat und sich im Berufsleben danach gerichtet hat, was damals pädagogisch vermittelt worden war. Der Systemwandel hatte zwar Einfluss auf die Lehrpläne, aber - wie gesagt - Bildung ist in Deutschland Ländersache, und so bleiben bis heutige einige interessante Unterschiede, so zum Beispiel bei den Topographietests oder, was ich noch gar nicht angesprochen habe, im Geschichtsunterricht. Nicht in jedem Bundesland werden die deutsche Teilung und die DDR-Geschichte ähnlich ausführlich behandelt, wie es für ein fundiertes Verständnis nötig wäre. Und daneben werden natürlich nicht nur Inhalte, sondern auch Verhaltensweisen und Dinge darüber hinaus tradiert, wie eben der Milchdienst oder Kollektivstrafen.Ich frage mich natürlich, inwieweit meine Erfahrungen noch heute von Kindern an ostdeutschen Grundschulen oder auch weiterführenden Grundschulen gemacht werden. Tatsächlich machen hier die inzwischen fast 20 Jahre seit meiner Einschulung (aua!) einen Unterschied, da das meiste noch in der DDR geschulte Lehrpersonal inzwischen in Rente sein müsste, und sich die Lehrkraftausbildung an den Universitäten seit der Wende doch deutlich geändert hat. Es wäre also spannend, mal junge Eltern nach den Erfahrungen ihrer Grundschulkinder zu befragen. Vielleicht mache ich das mal, wenn ich in Görlitz bin.

Was bleibt - neben mehreren neuen Beitragsideen? Zum Einen signifikant weniger Vita Cola, als ich zu Beginn des Tippens noch in der Flasche hatte, zum Anderen die Erkenntnis, dass die DDR-Geschichte nicht nur meine Eltern und Großeltern, sondern auch mein Aufwachsen und meine Schulzeit geprägt hat. Und natürlich eine gewisse Frustration über die Situation der Bildungssysteme in Deutschland. 

Weronika 



 
 
 

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