Geldmentalität im Osten
- Eastplaining Blog
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Immer und immer wieder spielt es eine Rolle in unserem Leben, letztendlich müssen sich alle damit auseinandersetzen und seine Verteilung begründet vermutlich die meisten aller Auseinandersetzungen der Weltgeschichte: das Geld. Früher oder später wird jede Person damit konfrontiert, ob als Grundschulkind mit dem ersten Taschengeld, als Teenager mit dem Ziel, den Führerschein selbst zu bezahlen, oder, in leider viel zu vielen Fällen, als viel zu junger Mensch mit der Notwendigkeit, den Verdienst der Familie mitabzusichern.
Geld macht nicht glücklich, aber, wie ich neulich irgendwo sehr treffend las, geht es dabei darum, dass angehäufte Milliarden eine innere Leere nicht füllen können (ich schaue unauffällig in die USA), und nicht darum, dass unter dem Existenzniveau lebende Menschen gefälligst mit dem zufrieden sein sollten, was sie haben.
Geld, Geld, Geld. Wenn es um Ost und West geht, geht es auch häufig darum: Die Finanzen. Ich möchte heute aber nicht so sehr auf volkswirtschaftlicher Ebene darüber sinnieren, sondern auf privater, basaler bürgerlicher Ebene, auf der mir in den letzten Jahren immer wieder bestimmte Dinge aufgefallen sind.
Meine Eltern stammen beide aus dem Ostblock: Mein Vater aus der DDR, meine Mutter aus Polen. Wenig überraschend wird es also für die Lesenden sein, wenn ich zu behaupten wage, mit einem anderen Geldverständnis aufgewachsen zu sein als meine Altersgenoss*innen im westlichen Teil der BRD. (Klassischer Justus-Witz: “Wenn du in deiner Unistadt keine Wohnung hast, zieh doch einfach in eine Wohnung, die deinen Eltern gehört?!”)
Auch wenig überraschend gibt es in unserer Familie keinerlei Immobilien, und das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Das Krasseste, was mal passiert ist: Meine Oma hat in den 1990er Jahren ihre Arztpraxis eröffnet und musste dafür einen Kredit von 20.000 D-Mark aufnehmen (zum Unverständnis der Bank bei diesem “kleinen” Betrag, und sie musste sich nur wenig später vor den Krankenkassen rechtfertigen, weil sie die Patient*innen “zu langsam” behandelte, sich zu viel Zeit für die einzelne Person ließ).
Und so geht es noch vielen anderen Menschen. In Ostdeutschland wohnen erstaunlich viele Menschen zur Miete, allen voran in Leipzig. Warum? Sicherlich liegt es historisch betrachtet daran, dass nach der Wende sehr viele Immobilien von West-Investor*innen aufgekauft wurden (bis auf ein einziges Haus gehörten alle, in denen ich jemals gewohnt habe, jemandem im Westen, und ich hab bis 2025 im Osten gewohnt). Aber auch heute setzt sich dieser Trend fort, dabei, sollte man meinen, gleichen wir uns doch immer weiter an. Meines Erachtens spielen hier noch weitere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel das Alter, die Region, aber besonders auch die Geldmentalität.
Nehmen wir zunächst das Alter. Meine Eltern waren zum Zeitpunkt der Wende gerade so alt, dass sie mitten im Studium waren bzw. dieses gerade erst aufnahmen. In dieser Phase hat man bekanntlich nicht gerade das nötige Kleingeld zum Anlegen oder Sparen übrig. Dann, zum Ende der 1990er Jahre: Berufseinstieg, und bevor man so richtig anfangen konnte mit dem Sparen, kamen die Kinder, und diese sind bekanntlich nicht gerade billig. Auch von der Massenarbeitslosigkeit blieb meine Familie nicht verschont. So “erwischte” es die Generation meiner Eltern - diese spezifische Zwischengeneration, die sich genau zum Zeitpunkt der Wende in bzw. kurz vor der Ausbildung befand - auf eine Art und Weise, die es beinahe unmöglich machte, viel Geld zu sparen und sich eventuell eine Immobilie zu kaufen. Nur einige Jahre ältere oder jüngere Menschen sahen sich schon einer anderen Realität gegenüber. Aber so ist das eben manchmal.
Natürlich spielt hier auch die Region eine Rolle: Wer vielleicht schon seit Generationen ein Haus auf dem Dorf hatte, besaß dieses unter Umständen eben weiterhin und hatte nicht das Problem der “Besitzlosigkeit”.
Doch insgesamt denke ich auch immer wieder an die Geldmentalität. Meiner persönlichen Erfahrung nach schrecken ostsozialisierte Menschen (Generation für Generation immer weniger, aber trotzdem) vor Investitionen zurück. Die Idee: Was man sich nicht jetzt leisten kann, sollte man sich eben auch nicht kaufen. Das gilt nicht nur für Immobilien (es ist aber eines meiner prominentesten Beispiele, weil man es eben so gut sehen kann), sondern auch für Haushaltsgegenstände und Ausbildungen. Ich kenne wirklich nicht wenige junge Menschen, die sich gegen ein Studium entschieden haben, weil sie kein Bafög beziehen wollten: Das wären doch Schulden! (Die Bafög-Rückzahlung ist bei 10.010€ gedeckelt, das ist natürlich rein gar nichts gegen Viertelmillionen US-Dollar, die man in Trumpstaat nach einem mittelmäßigen Bachelorstudium zurückzahlen müsste. Und trotzdem.) Dazu kommt natürlich, dass Bafög die realen Kosten eines Lebens gar nicht decken kann. Und so entscheiden sich viele lieber für eine Ausbildung, bei der sie direkt etwas Geld verdienen und sich nicht “verschulden”. Bloß kein Geld ausgeben, das man nicht hat. Denn: Was ich jetzt nicht habe - woher die Sicherheit, dass ich es jemals haben werde? Man möchte um jeden Preis vermeiden, in eine Situation zu kommen, in welcher man zahlungsunfähig wird. Das Resultat? Weniger Investitionen in die Gesellschaft, seinen Haushalt, aber auch einfach sich selbst. Dass Investitionen aber auch notwendig sind, um voranzukommen - das ist für die Menschen oft schwer erkennbar. In den Ostblockstaaten gab es so etwas schlichtweg nicht. Man hat das ausgegeben, was man real verdient hat. Die Umstellung auf das neue kapitalistische System “über Nacht” ist noch lange nicht in den Köpfen der Menschen angekommen. Sicher, hier und da mag es funktioniert haben, sicherlich kennt jede*r irgendwelche Beispiele von Leuten, die es “geschafft” haben, aber mir fallen ebensoviele ein - wie beispielsweise in meiner Familie -, wo das nicht der Fall ist. Dinge werden bis zum absoluten geht-nicht-mehr genutzt, bevor etwas neu ersetzt wird. Das hat natürlich auch seine positiven Seiten, weniger Verschwendung, Minimalismus, all diese bekannten Trends, die sich heute steigender Beliebtheit erfreuen und die meine Urgroßeltern und Großeltern in ihrem “sozialistischen” Alltag aus der Not heraus schon lange vorher praktiziert haben. Aber nach der Wende hatten nicht alle die Zeit und Muße, sich mit der neuen Bedeutung von Geld auseinanderzusetzen, denn viel zu viele waren in erster Linie darauf angewiesen, überhaupt genug davon ins Haus zu bekommen. Je nach aktueller Lebensphase hatten manche nicht gerade die Nerven dazu, sich mit Investitionen, Akten und neuen Sparplänen zu befassen. Und nicht nur jene, denen diese Themen generell nicht liegen, haben bis heute Probleme damit. Sich mit Geld über das bloße Bezahlmittel hinaus zu beschäftigen, ist ein Privileg, das sich viele Menschen nicht leisten konnten und immer noch nicht leisten können. Mittlerweile ist dies sicherlich kein reines Ost-West-Problem mehr. Das war es auch nie, sondern es war und ist ein Problem von Einkommensklassen, sozialen Schichten und Milieus, aber einige der historischen Wurzeln liegen meines Erachtens in dieser Geldmentalität des Ostblocks, die sich so fundamental von der westlichen Geldmentalität unterscheidet.
Was tun? Wie immer: Mehr Informationen, mehr Wissen führen zu mehr Handlungsmöglichkeiten. Menschen nicht aufgrund dessen verurteilen, wie sie mit Geld (nicht) umgehen, und, am Ende des Tages, als ultimative Lösung vieler Probleme: Umverteilung und Erbschaftssteuer. Aber das sind Themen für einen anderen Beitrag.
Weronika