Das Privileg der Reisefreiheit
- Eastplaining Blog
- vor 22 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Ich sitze in Cuxhaven und schaue aufs Meer. Es ist Mitte Mai, weder richtig kalt noch warm, und es weht eine leichte Brise. Nachher fahre ich mit dem Wattwagen auf die Insel Neuwerk, um eine Freundin zu besuchen, die dort Praktikum macht. Wir sind beide in Görlitz aufgewachsen und haben große Teile unserer Kindheit zusammen verbracht. Dass wir uns jetzt hier auf Neuwerk treffen können, ist aber gar nicht so selbstverständlich. Ich war nicht mehr am Meer, seitdem mein Bruder letztes Jahr in Dänemark geheiratet hat. Irgendwie finde ich es, wie wahrscheinlich viele Menschen, schön und beruhigend, auf das große Wasser zu blicken. Ich verbinde es mit Freiheit. Und in der letzten Zeit denke ich immer wieder darüber nach, was Reisefreiheit eigentlich bedeutet.
Als meine Eltern in der DDR und in der VR Polen aufwuchsen, konnten sie an die Ostsee fahren, mein Vater in die ehemalige Tschechoslowakei, aber damit (und natürlich vielen schönen weiteren Orten innerhalb des Ostblocks) war die Liste der Länder, die man problemlos besuchen konnte, auch schnell erschöpft. Und selbst da war es nicht allen möglich, einen Urlaub im Ausland zu planen, besonders in Polen war es finanziell oft nicht drin. Mein Vater war 13 Jahre alt, als er das erste Mal ins Ausland (die ČSSR) fuhr. Meine Mutter war 23 Jahre alt, als sie das erste Mal im Ausland war – in der DDR.
Freies Reisen war in der DDR nicht möglich, auch in anderen Ländern des Ostblocks war die Freizügigkeit dahingehend stark eingeschränkt. Viele Menschen waren 1989 maximal in einem der sozialistischen Bruderstaaten gewesen, viele hatten ihr eigenes Land noch nie verlassen. Dann änderte sich 1990 alles. Plötzlich durfte man frei reisen. Und diese Reisefreiheit ist neben all den anderen positiven Änderungen der „Wende“ für mich eines der wichtigsten Güter, für das ich immer wieder dankbar bin. Mein Vater nutzte die neu gewonnenen Möglichkeiten insbesondere für Skandinavien-Reisen, von denen er heute noch viel erzählt. Außerdem arbeitete er für drei Monate in der Mongolei. Meine vier Großelternteile haben Europa nie verlassen. Reisefreiheit ist krass. Anders kann ich das nicht sagen. Im Gegensatz zu meinen Eltern und so vielen anderen Menschen, die vor der Wende im Ostblock aufgewachsen sind, kann ich eigentlich gehen, wohin ich will, bleiben, wo ich will. Ich nehme das nicht als Selbstverständlichkeit wahr, sondern – gerade im Vergleich zu meinen Vorfahren und so vielen anderen Menschen auf der Welt – als großes Privileg, das eigentlich keines sein sollte. Und ich möchte noch einmal das Augenmerk darauf richten, wie vielen Menschen es doch so ähnlich ging wie meinen Eltern und Großeltern. Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande – beliebte Urlaubsorte der BRD-Bürger*innen vor 1990 – das waren für meine Familie Orte, die als unerreichbar galten, ähnlich weit weg wie die Fantasywelt von J. R. R. Tolkien. Meine Mutter berichtet davon, dass die Karten im Geografieunterricht neben Polen bzw. Europa einfach weiß waren. Wozu auch etwas über Orte lernen, die man sowieso nie bereisen würde? Mein deutscher Großvater sammelte fast schon obsessiv Landkarten und „bereiste“ auf diese Weise Länder. Aber trotzdem blieben sie unerreichbar. Mein Vater hatte zwar ab der 7. Klasse Englisch in der Schule, aber natürlich deutlich seltener als Russisch – und viele Menschen hängten sich in die englische Sprache auch „nicht so rein“, denn wieder: wofür? Heute haben wir als Resultat breite Bevölkerungslandstriche, wo die Menschen jenseits der 50 zwar Russisch, aber nur wenig Englisch können. Fürs Reisen überall hin außer ins östliche Europa nicht gerade günstig.
Als Kinder fuhren wir mit unseren Eltern viel durch Osteuropa, waren auf Fahrradtour am Rheinradweg und machten Winterurlaub auf Nordseeinseln, stets mühevoll zusammengespart, denn wenn auch sonst das Geld knapp war, das Reisen war meinen Eltern besonders wichtig: Den Kindern zeigen, dass es noch mehr von der Welt gibt, war wichtiger als andere materielle Güter. Sie wollten uns damit etwas weitergeben, das sie selbst nicht auf diese Weise erhalten hatten, und dafür bin ich sehr dankbar. Auch ansonsten zog es mich relativ schnell weiter in die Welt hinaus. Mit 18 Jahren lebte ich für ein Jahr in Papua-Neuguinea, später kurz in den USA und habe bisher insgesamt 27 Länder auf fünf Kontinenten betreten. Für meine Eltern war das mit Anfang zwanzig noch gänzlich unvorstellbar. Für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern immer wieder eine Erinnerung daran, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich diese Möglichkeiten bekommen habe und nutzen konnte.
Warum ist Reisen überhaupt wichtig? Wir schauen über unseren Horizont hinaus. Wir verstehen, dass die Welt nicht überall gleich aussieht und dass nicht alles so abläuft „wie bei uns“ (was auch immer dieses „uns“ überhaupt beschreiben soll). Natürlich vergleichen wir auch, und wir vereinfachen ganz stark. Da und dort war es „sehr dreckig“, hier und da haben sie „ein viel besseres Mülltrennungssystem“ (wobei das ja wohl eher andere Menschen über Deutschland sagen würden, hehe), und irgendwo „schmeckt das Essen so wunderbar“. Aber die Hauptsache ist eben: Wir kommen raus, raus aus unseren Kontexten, aus unserem Alltag, aus unseren Strukturen, und lernen neu, was es anderswo bedeutet, ein Mensch zu sein. Wenn wir nicht gerade in einem 5-Sterne-All-inclusive-Luxusresort nächtigen, wo sich auch auf anderen Kontinenten nichts voneinander unterscheidet, funktioniert das auch ganz gut. (Hier möchte ich betonen, dass ich in meiner Kindheit insbesondere in Zelten und maximal in Ferienwohnungen, nie aber in Hotels übernachtet habe – das erste Hotel habe ich mit 21 betreten. Und auch da nur, weil es von einem Veranstalter für mich gebucht wurde.)
Reisen bedeutet aber eben auch, das Geld dafür zu haben. Und hier erkennen wir das Problem. Reisefreiheit, die Möglichkeit zum Reisen zu haben, bedeutet auch nicht zwangsläufig, diese Möglichkeit auch tatsächlich nutzen zu können. 20% der Menschen in Deutschland können sich keinen Urlaub leisten, nicht einmal nur einmal im Jahr.[1] Als ich in der Nähe von Los Angeles mal eine Schulbetreuung besucht hatte, fragte die Lehrerin: „Was denkt ihr, aus welchem Land Weronika kommt? Es ist weit weg!“, antworteten zwei Kinder mit „Sacramento“ und „Texas“. Sie hatten Kalifornien noch nie verlassen. Und gerade auch Menschen im Ostblock waren in den 1990ern, wenn es sich bei ihnen nicht gerade um genügsame, über ihre Zeit freier verfügende Studierende wie meinen Vater handelte, nicht unbedingt die finanziellen und zeitlichen Ressourcen für weitere Urlaubsreisen gehabt. Fehlende Reisen bedeuten, dass ein Teil kulturellen Kapitals verborgen bleibt. Und das ist ungerecht. Ungerecht Kindern gegenüber, die in ihrer Klasse hören, wohin ihre Mitschüler*innen verreisen. Ungerecht Studierenden an irgendwelchen krassen Unis gegenüber, deren Familie es sich nicht leisten konnte, sie für ein Jahr in die USA zu schicken oder ihnen eine Asienreise zu finanzieren, die gut auf dem Lebenslauf wirkt. Ungerecht jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt gegenüber, die womöglich alle Ausbildungsschritte am selben Ort absolviert haben, weil es finanziell nicht anders ging, und denen jetzt die „Auslandserfahrung“ fehlt. Ungerecht ist das alles aber nicht nur finanziell, sondern auch strukturell, denn häufig wissen die betroffenen Menschen nicht einmal davon, welche Stipendienprogramme es gäbe, um sich diese Wünsche zu ermöglichen. Oder sie wissen es und bewerben sich nicht, weil sie sich nicht für geeignet genug halten. Außerdem kann ich mit meinen zwei EU-Pässen natürlich leicht reden. Wer schon einmal mitbekommen hat, wie jemand ein Visum für den Schengen-Raum beantragt hat, weiß, was für ein Krampf das ist. Reisefreiheit bleibt also immer auch eine Frage der Staatsangehörigkeiten und Formalitäten.
Ich weiß nicht, inwiefern der Zusammenhang zwischen Reise- und Wahlverhalten erforscht ist, aber ich fände es einmal sehr interessant. Denn ich glaube, dass es allen Menschen guttun würde, sich ab und an mit anderen Lebensrealitäten zu konfrontieren. Einerseits, um zu sehen, dass nicht überall alles gleich ist (oder sein muss). Und andererseits, um zu merken, dass – unabhängig von Ort und Zeit – es überall MENSCHEN sind, die leben, lieben, hoffen und Träume haben, und dass es letztendlich doch darum gehen sollte, dass alle von uns diese Reisefreiheit und Freizügigkeit, das Recht zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit, in Anspruch nehmen können.
Inzwischen fühle ich mich in der Welt zuhause. Wo ich auch hinkomme, treffe ich auf Menschen, die Sehnsüchte haben und doch auch einfach nur alles tun, um ein gutes Leben zu haben, egal auf welchem Kontinent. Nur sind die Voraussetzungen je nach Ort eben sehr verschieden. Ich freue mich jedenfalls darüber und bin dankbar dafür, dass ich ein paar Tage an der Nordsee verbringen kann. Ich schaue wieder auf die Wellen und wünsche mir, dass mehr Menschen, denen es so gut geht wie mir, dankbar sind für dieses Gut, und dass immer mehr Menschen auch aktiv die Möglichkeit dazu bekommen, ihre Reisefreiheit zu nutzen.
Und an alle, die sich gerne ein Austausch- oder Auslandsjahr oder Auslandsstudium wünschen würden, aber keine Ahnung haben, wie sie das finanzieren sollen: Informiert euch über Stipendien und Förderprogramme! ApplicAid bietet kostenlose Unterstützung, auch Project Access möchte ich hier nennen und Arbeiterkind, lauter tolle Initiativen, die sich für mehr Bildungsgerechtigkeit einsetzen – und für Chancengleichheit unabhängig vom Einkommen des Elternhauses. Politische Systeme und finanzielle Probleme beschränken Reisefreiheit. Aber für beides möchten wir Lösungen finden. Und dafür müssen wir uns gemeinsam einsetzen.
Weronika
[1] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2025/PD25_26_p002.html (abgerufen am 13.05.2026).

Kommentare