Was kommt nach Ostdeutschland?
- Hanna Müller

- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Ein Vorwort: Erst nachdem ich diesen Artikel fertig hatte, realisierten Weronika und ich, dass wir elegant das dritte Jubiläum des Blogs verpasst haben - unser Projekt jährte sich am 15.4. Eindeutig der richtige Zeitpunkt für einen solchen Einstiegssatz:
Ich habe angefangen, von Ostdeutschland genervt zu sein. Oder, besser ausgedrückt: Ostdeutschland fängt an, mich zu nerven. Für jede:n andere:n ist das nicht dramatisch und für manche Westdeutsche sogar selbstverständlich. Für eine selbsterklärte Ostbloggerin ist es natürlich eher unpraktisch, wenn nicht sogar rufschädigend. Wie also umgehen mit der Ost-Fatigue, mit der Ost-Müdigkeit?
Zuerst ein paar Worte der Beruhigung. Diese richten sich vor allem an alle, die in den kommenden Monaten darauf setzen, dass ich angemessen ostbewusste öffentliche Auftritte hinlege. Nein, ich werde den Blog nicht aufkündigen und Weronika im Regen stehen lassen. Ich werde auch weiterhin zu allen notwendigen und nicht ganz notwendigen Themen meinen Senf dazu geben. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, habe ich die letzte halbe Stunde vor Beginn dieses Beitrags damit verbracht, neue Ideen in unsere geteilte Eastplaining-Themenliste einzutragen. Es ist also bei Weitem noch nicht alles gesagt, vor allem in diesem Jahr, das für (Ost)Deutschland wahrscheinlich richtungsweisend sein wird.
Was meine ich also mit meiner Ost-Genervtheit? Als wir 2023 den Blog starteten (was verrückterweise fast drei Jahre her ist), war das Thema Ostdeutschland - mit Verlaub - ziemlich nischig. Davon zeugte nicht nur unser Anfang bei den Basics (“hey, im Osten gab es Kindergärten!”), sondern auch das wenig ansprechende Design unserer Website auf dem Google-Untertan blogger.com. Wir haben davon profitiert, dass Ost-Themen vergleichsweise klein und unbeachtet waren: wir waren zwar keine Ost-Initiativen erster Stunde, aber wir sind mittlerweile lange genug “im game”, dass wir Glaubwürdigkeit und einen ordentlichen Themenumfang angesammelt haben. Das Netzwerk war und ist überschaubar, sodass wir relativ schnell bekannt und vernetzt waren.
Es kam uns natürlich auch zugute, dass 2023 das Jahr war, in dem Dirk Oschmann mit seinem Ost-Buch auf allen Bestsellerlisten landete: auf einmal war Ostdeutschland in aller Munde. Die Wahlen der letzten Jahre haben ihr Übriges getan, um westdeutsche Medienhäuser, Influencer, und in Teilen auch die Politik von der Relevanz des Themas zu überzeugen. Wir wurden auf mehr als fragwürdige Art vom Spiegel porträtiert, dessen West-Journalisten (ich schwöre, das ist kein Schimpfwort!) davon überzeugt waren, unser Feedback zu Ost-Berichterstattung nicht zu brauchen. Die Ost-Initiativen haben sich in der Zwischenzeit vervielfältigt und jede (auch wir) macht etwas zum Thema “Der Osten und die Medien”. Ostdeutschland ist auf einmal hip - und wir leisten uns eine teure Domain und kriegen regelmäßig E-Mails mit dem Betreff “Anfrage”.
Es ist dieser Hintergrund, vor dem ich die öffentlichen und privaten Ost-Debatten beobachte. Und da kommt die Müdigkeit ins Spiel. Vielleicht ist es mein Instagram-Algorithmus, aber ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, Ostdeutschland ist überall. Jedes Medienhaus, das etwas auf sich hält, packt “Ost” in irgendwelche Headlines. Es werden dutzende Bücher veröffentlicht, die alle etwas “Neues” und “Noch-nie-Dagewesenes” über den Osten zu sagen haben. Die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser filmt Meme-Videos über den Osten, sächsischer Regiolekt wird cool gemacht (was er auch ist). Und ich, die sich eigentlich über die Aufmerksamkeit freuen müsste? Ich fühle mich erschöpft, wenn ich Artikel über Artikel vorgeschlagen bekomme, meistens zu Themen, die wieder und wieder aufgegriffen werden: Medien, Einkommensunterschiede, DDR-war-mehr-als-Stasi, Frauenbeteiligung am Arbeitsmarkt. Auch wir schreiben regelmäßig über Variationen dieser Punkte.
Der Osten ist besessen von einem kollektiven main character syndrome. Für die Älteren oder Analogen unter uns: Der Osten ist besessen von seiner eigenen Einzigartigkeit. Symptomatisch dafür sehe ich die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung, eine neugegründete Zeitung des Unternehmers und ehemaligen SED-Mitglieds Holger Friedrich, sowie - auf eine ganz andere Art - die Leipziger Buchmesse.
Die OAZ basiert auf der Idee, dass die Ostdeutschen ein eigenes Medium brauchen, weil sie andere Meinungen haben als der westdeutsche Mainstream. Diese Meinungen haben sie einzig und allein deswegen, weil sie ostdeutsch sind. Ich werde mir die OAZ in einem folgenden Beitrag noch mal im Detail anschauen. Es sei nur so viel gesagt: ich denke, die Zeitung wird nicht (nur) aus inhaltlichem Interesse gelesen, sondern auch, weil man das Ich-bin-anders-als-die-anderen-Gefühl haben will. Früher haben die Ostdeutschen sich noch vorerzählt, sie sind etwas Besonderes, weil sie noch selbstständig denken. Heute erzählen sie sich vor, sie sind etwas Besonderes, weil sie ostdeutsch denken.
Die Leipziger Buchmesse ist nun eine ganz andere Institution. Wer mich kennt, weiß, dass ich große Begeisterung für sie hege und alle Jahre wieder hinfahre. Dieses Jahr hatte ich das Gefühl, die Buchmesse steckt in einem Gespräch mit dem eigenen ostdeutschen Spiegelbild fest. Wer sich das Programm anschaut, bekommt das Gefühl, jede Ostbiografie, jedes Ost-Thema ist wichtig, einzig und allein dadurch, dass es ostdeutsch ist. Und wie bei der OAZ resultiert diese Entwicklung aus einer Notwendigkeit: Nein, ostdeutsche Stimmen sind nicht angemessen in den Medien vertreten. Ja, auf der Frankfurter Buchmesse sind Ost-Themen wohl auch eher irrelevant. Also werden sie in Leipzig abgehandelt. Dort sitzen dann dieselben Leute im Publikum (u.a. ich), die die ganze Sache schon zehnmal durchgekaut oder aber (u.a. die Generation meiner Eltern) selbst erlebt haben. Es geht nicht mehr nur darum, Ost-Identität zu verstehen. Immer öfter habe ich das Gefühl, Ost-Identität soll einen weitsichtiger oder einzigartiger oder sogar cooler machen als andere.
Die westdeutschen Medien, die ich oft kritisiere und auch weiter mit Enthusiasmus kritisieren werde, greifen jetzt Ost-Themen auf. Aber sie sind weit davon entfernt, Verantwortung zu übernehmen. Fehler einzugestehen, die gemacht wurden. Gezielt Nachwuchs aus dem Osten zu fördern. Ost-Themen werden behandelt, wie man auf einen abfahrenden Zug aufspringt: mit dem Gefühl, dass es jetzt dringend ist.
Man könnte (ich hoffe, es tut irgendjemand!) mir jetzt vorwerfen, ich würde die ganzen Ost-Initiativen nicht wertschätzen und wünschte mir die Zeit zurück, in der ich noch die Einzige war, die was Relevantes zu Ostdeutschland zu sagen hat. Der Osten ist einzigartig anders - nicht schlechter, nein! - aber anders. Vor einem Jahr hätte ich mich noch gefreut, wenn diese Erkenntnis breiter bekannt und akzeptiert wäre. Jetzt zucke ich mit den Schultern und denke mir, so what? Was lernen wir denn jetzt daraus?
Im Spiegelbildgespräch, das die (ost)deutsche Öffentlichkeit mit sich selbst führt, fehlen mir einige wichtige Punkte. Mir fehlt eine weite, offene Perspektive: auf andere Länder, andere Regionen. Der Osten war nicht allein im Sozialismus, der Osten ist nicht die einzige strukturschwache Region auf der Welt. Manche Ost-Fragen verkleiden sich als Ost-Fragen, sind aber eigentlich Geldfragen oder Bildungsfragen oder Stadt/Land-Fragen. Ich erzählte letztens einem US-Amerikaner von der alten, armen, wirtschaftsschwachen ostdeutschen Provinz, und er meinte, “klingt wie zu Hause”. Der Osten hat nicht als einzige Region Umbrüche erlebt. Ehrlicherweise hat Ostdeutschland die 90er-Jahre im Vergleich zu anderen ehemaligen Ostblockstaaten abgefedert überstanden, mit viel Geld und dem schnellsten EU-Beitritt der Geschichte.
Und sowieso: die Umbrüche, die gerade passieren, die gehen alle an. Das, was im Osten passiert, ist eben nicht einzigartig, sondern eine Konsequenz des entfesselten globalen Kapitalismus. Soziale Absicherungen bleiben weder sozial noch sicher. In Görlitz und an anderen Orten des Landes werden Waffen statt Infrastruktur gebaut. Die ländliche Bevölkerung radikalisiert sich. Der Klimawandel schreitet voran.
Wir brauchen nicht noch mehr Gerede darüber, wie Ostdeutschland sich warum genau vom Westen unterscheidet. Wir brauchen stattdessen Solidarität und Empathie. Wir brauchen den Willen, die Zeitenwenden, die uns vorgesetzt werden, nicht sang- und klanglos zu akzeptieren - ob bei Waffen, Rente oder AfD-Propaganda. Wir brauchen den Willen, für die Zeitenwenden einzustehen, die Optimismus verleihen - ob bei den Ost-West-Löhnen, dem Nahverkehr auf dem Land oder der selbstbefähigenden Demokratie. Das Gerede über Unterschiede bringt uns nicht viel, wenn dieses Gerede nicht auch Kreativität hervorbringt: Ideen und den Mut, sie mal auszuprobieren. Und das um Gottes willen bitte nicht nur in Ostdeutschland.
So. Genug davon. Im nächsten Beitrag wende ich mich zuverlässig wieder der Frage zu, wie Ostdeutschland sich warum genau vom Westen unterscheidet. Bis dahin ist das Sammeln von Ideen und Mut angesagt.
Hanna
In klarem Widerspruch zum Beitrag hier eine aktuelle Ost-Perspektive auf die Bundespolitik:
Und noch ein wenig Werbung für ein Buchprojekt, an dem - Disclaimer! - Weronika und ich teilgenommen haben: https://neofelis-verlag.de/verlagsprogramm/wissenschaft/politik-debatte/1124/postwendekinder?c=359
Im Beitrag oben habe ich die Einzigartigkeit des Ostens beklagt. In diesem Buch kommen über 30 Autor:innen zu Wort - die entsprechend vielen Blickwinkel stellen diese Einzigartigkeit auf die Probe. Es gibt so viele Ostdeutschlands, wie es Menschen mit Ostbezug gibt.
Kommentare