Ostdeutsche Vita
- Weronika Vogel
- 27. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Seitdem ich in Aachen wohne, sind gewisse Dinge seltener geworden. Zum Beispiel gehe ich seltener zu Rewe, weil der Edeka näher dran ist. Und ich telefoniere zu Hause weniger (das liegt aber an dem schlechten Netz). Und noch etwas hat sich geändert: Ich trinke weniger Vita Cola. Und zwar, weil ich bisher noch keinen Supermarkt gefunden habe, der sie verkauft. Den gibt es hier mit Sicherheit (hoffe ich jedenfalls), aber tatsächlich ist mir das thüringische Koffeingetränk bisher nicht untergekommen. Gezielt gesucht habe ich danach noch nicht, denn manchmal ist es ja so, dass man erst realisiert, wie sehr man etwas vermisst hat, wenn man es unverhofft wiederentdeckt. Und so ging es mir kürzlich mit der Vita Cola.
Zwei Freund*innen aus Erfurt haben mich besucht und mir eine Flasche mitgebracht, und ich übertreibe natürlich ein wenig, wenn ich sage, dass ich mich darüber fast mehr gefreut habe als über ihren Besuch. Aber es war schon ein denkwürdiger Moment, als ich den altbekannten Geschmack endlich wieder auf meiner Zunge spürte. Und dann habe ich darüber nachgedacht, welche Ostprodukte ich sonst noch vermisse, die mich in Thüringen und Sachsen begleitet haben. Und dann dachte ich, dass ich darüber doch einfach einen nostalgischen Blogartikel schreiben könnte, der gleichzeitig ein Aufruf dazu ist, möglichst regional einzukaufen (bzw., wenn man wie ich als Ostdeutsche im Westen wohnt, Freund*innen zu bitten, Ostpakete bei Besuchen mitzubringen). Ich werde hier übrigens nichts verlinken, um nicht kostenlose Werbung für diese Unternehmen zu machen. So weit kommt es noch. Wer Interesse hat, kann ja selbst recherchieren bzw. im Supermarkt vor Ort nachfragen!
Spreewaldgurken: Einfach lecker. Ich weiß nicht, was da reingemacht wird, aber keine sauren Gurken können sich mit den Spreewaldgurken messen. Ich habe sogar mal Spreewaldgurken-Eis gegessen und es war FANTASTISCH.
Vita Cola: Gehört zwar inzwischen der Hassia-Gruppe in Hessen, aber es wird viel in Schmalkalden produziert. Seit meiner Kindheit trinke ich sie gerne (auch wenn meine Eltern uns NIE Cola gekauft haben) hauptsächlich war das bei irgendwelchen Kinderfreizeiten. Und spätestens ab 2020, als ich nach Erfurt gezogen bin, auch zu Hause exzessiv.
Bautz’ner Senf: Gehört mittlerweile Develey in Bayern. Aber gut. Seit noch früherer Kindheit gehörte dieser Senf zu ALLEN passenden Speisen, und als ich nach Thüringen gezogen bin, musste ich erstmal damit klarkommen, dass ich an der Kasse in der Mensa schief angesehen werde, wenn ich zum Bautz’ner statt zum Born-Senf greife.
Born-Senf: Gehört jetzt einer Kölner Unternehmensgruppe. Fünf Jahre in Thüringen haben mich geprägt, daher esse ich den Born-Senf mittlerweile wahrscheinlich genauso gerne wie den Bautz’ner Senf, und vermutlich werden mich sowohl Menschen aus Thüringen als auch aus Sachsen dafür verurteilen, wenn sie das lesen.
Halloren: Gehört hauptsächlich einem Privatinvestor, der nicht aus dem Osten kommt. Die Hallorenkugeln habe ich im Görlitzer Theater, als es noch die TheaterCard100 für Schüler*innen gab, mit der man für 40€ ein Jahr lang in jede Theatervorstellung gehen konnte (sehr gutes Konzept übrigens), in der Pause immer gekauft und die ganze Packung am Stück gegessen. Neulich habe ich in Aachen welche im Rossmann gesehen und musste sofort nachgeben. Am liebsten mag ich die mit Stracciatella-Geschmack.
Fit-Spülmittel: Gehört der Unternehmerfamilie Büttner in Bayern, aber es gibt viele Produktionsstandorte in Sachsen. Kann man nicht essen, kann man aber auch im Westen kaufen. Mein liebstes Spülmittel, ich kaufe es abwechselnd in grün und gelb.
Komet-Pudding: Gehört einem sächsischen Familienunternehmen. Ich versuche, gegen Dr. Oetker vorzugehen, indem ich Pistazienpudding von Komet verspeise, wenn mir mal wieder die Weisheitszähne gezogen werden.
Ich habe das so aufgelistet und bin beim Tippen immer nachdenklicher geworden.
Was sehen wir daran? Echte, noch ostdeutsch geführte Produktionsunternehmen sind überwiegend mittelständische Familienbetriebe, auch regionale Brauereien (die ich hier nicht aufgeführt habe, weil ich kein Bier trinke) und handwerkliche Lebensmittelhersteller. Große Konsummarken aus DDR-Zeiten sind fast ausnahmslos nicht mehr im ostdeutschen Eigentum. Die allermeisten wurden in den 1990er Jahren aufgekauft. Sicherlich kann man so argumentieren, dass sich viele der Marken sonst nicht hätten halten können. Tja. Ein bisschen schade ist es trotzdem. So funktioniert unser System. Wie regional sind unsere regionalen Produkte überhaupt noch?
Ich finde es wichtig, dass zumindest die Produktionsstandorte erhalten bleiben. Eigentum ist natürlich ebenfalls ein wichtiges Thema, aber wo Produktionsstandorte sind, gibt es Arbeitsplätze, und wo es Arbeitsplätze (mit fairer Bezahlung) gibt, kann Gesellschaft weiter wachsen. Menschen sind zufriedener. Und deshalb finde ich es auch furchtbar, dass der Zalando-Standort in Erfurt geschlossen werden soll.
Regional einkaufen und konsumieren - gilt das denn für diese Produkte überhaupt noch? Wenn ich an “ostdeutsche Marken” denke, fallen mir als Erstes diese großen Marken ein. Aber in Wahrheit zählt doch zum regionalen Einkauf genauso dazu, alle möglichen wirklich lokalen Produkte vorzuziehen - Obst, Gemüse, Fleisch, alle anderen erdenklichen Lebensmittel, und das lokale Handwerk zu unterstützen. (Dass Massenprodukte billiger sind und es sich nicht alle leisten können, regional einzukaufen, ist übrigens ein Problem des ungezügelten Kapitalismus.)
Wenn ich an lokale ostdeutsche Produkte denke, fallen mir nun auch solche wie der Honig aus Stadtilm ein oder das thüringenweit vielleicht beste Eis von Goldhelm auf der Krämerbrücke.
Ich verbinde mit diesen Produkten ein leicht nostalgisches Heimatgefühl, wie es sicherlich viele andere Menschen mit vielen anderen Produkten aus “ihren” Regionen tun. Lasst uns dafür sorgen, dass uns das allen erhalten bleibt und wir nicht wie in anderen Teilen der Welt (USA) auf einheitliche, austauschbare Städte mit den gleichen gigantischen Supramärkten zusteuern. Und lasst uns dafür sorgen, dass Menschen mit ihrer Arbeitskraft fair behandelt werden und sich nicht gezwungen sehen, ihre Region zu verlassen, um anderswo nach Arbeit zu suchen.
Das wäre doch schön.
Weronika