Bücher machen Leute - ostdeutsche Literatur in der Schule
- Eastplaining Blog
- vor 54 Minuten
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Umständlich geschriebene Bücher sind im Deutschunterricht Alltag. Dem einen verleiden sie das Lesen gründlich, den anderen (was weitaus seltener vorkommt) motivieren sie zum Weiterlesen. Das Ziel des Lesens ist – je nach pädagogischem Ansatz – nicht nur die ominöse „Allgemeinbildung“, sondern auch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Lebensrealitäten und das Verständnis dafür, wie Gesellschaft (nicht) funktioniert.
1990 ist jetzt 36 Jahre her. Noch immer sind Leute manchmal überrascht, wenn ich erzähle, dass es nicht nur in der DDR eine aktive Literaturszene gab, sondern es sie auch im heutigen Ostdeutschland gibt. Deswegen lohnt es sich, mal einen Blick auf die Ostquote in den Lehrplänen zu werfen: Welche ostdeutschen Autor:innen werden eigentlich in Ost und West gelesen? Werden sie es überhaupt?
In Deutschland entscheidet jedes Bundesland selbst über seine Unterrichtsinhalte. Dementsprechend schwierig gestaltete sich die Recherche für diesen Text: Als erstes klickt man sich eine halbe Stunde lang durch undurchsichtige Websites von Bildungsreferaten und -ministerien. Im zweiten Schritt findet man dann manchmal Stichpunktaufzählungen von drei Abitur-Pflichtlektüren, manchmal siebzehn Seiten lange Leselisten mit Buchempfehlungen für alle Klassenstufen, oder manchmal auch gar nichts, weil das betreffende Bundesland keinerlei Pflichtlektüre vorschreibt und anscheinend auch nichts von Empfehlungen hält. Deswegen muss die Ostquote der jeweiligen Leselisten immer im Zusammenhang gesehen werden mit der Länge der Liste – wenn ein Bundesland drei Bücher vorschreibt, von denen eins einen Ost-Bezug hat, ist das ja durchaus eine bessere Quote als ein Bundesland, in dem von fünfzig deutschsprachigen Namen gerade mal fünf aus Ostdeutschland kommen (looking at you, Bayern).
Mein erster Eindruck war, dass die Ost-Lektüre gar nicht so rar gesät ist wie erwartet. Einige von den „Großen“ tauchen immer wieder auf den Listen auf: Christa Wolf, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Ulrich Plenzdorf, Christoph Hein. Ähnlich wie bei der selbsterklärten Ost-Versteherin Juli Zeh ist es auch bei Autoren wie Brecht fraglich, ob sie zur Ostquote gehören – aber das ist es ja, was Quoten wie diese so problematisch macht, besonders, wenn sie Herkunft oder Identität messen sollen. Egal, für diesen Artikel muss es gehen.
In mehreren Bundesländern (u.a. Nordrhein-Westfalen, Saarland, Berlin, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen) ist der Roman Heimsuchung der durchaus kritisch diskutierten ostdeutschen Autorin Jenny Erpenbeck Pflichtlektüre im Abitur. Ansonsten sind es vor allem Namen aus der DDR-Literatur, die auf den Empfehlungslisten stehen. Schulliteratur hängt wohl immer noch der veralteten Auffassung an, dass ein Buch umso besser ist, je älter es wird. Stimmt so nicht ganz. Was aber auffällt, ist der hohe Frauenanteil in der Ost-Literatur, wie zum Beispiel Charlotte Gneuß mit Gittersee auf der Liste von Mecklenburg-Vorpommern.
Man kann nicht sagen, dass die ostdeutschen Bundesländer mehr Ost-Autor:innen auf ihren Listen haben als die westdeutschen Bundesländer. Die Listen der Ost-Länder sind aber vielfältiger, teilweise weiblicher und vor allem jünger. Vor allem die Empfehlungslisten von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern haben mich mit Autor:innen überzeugt, die sonst oft übersehen werden. Die westdeutschen Listen kommen oft nicht weit über die oben erwähnten Namen hinaus – mit einigen Ausnahmen. So empfehlen Baden-Württemberg und Hessen Bücher von Grit Poppe, mit der wir hier auf Eastplaining auch schon gesprochen haben und die sich vor allem mit den Konsequenzen der Stasi-Allmacht für Jugendliche in der DDR auseinandersetzt. Auf der Hessen-Liste steht auch der Leipziger Johannes Herwig mit dem Buch Halber Löwe über Jugend in der Nachwendezeit.
Ein Negativbeispiel aus Westdeutschland ist Bayern, auf dessen langer, kleingeschriebener Liste wohl mehr österreichische Autor:innen stehen als solche aus der DDR oder dem heutigen Osten. Allerdings sollte man die bayerische Liste insgesamt nicht zu ernst nehmen – sie wirkt, als hätte jemand einfach ChatGPT gebeten, eine Liste mit den 100 wichtigsten Werken der Weltliteratur zu erstellen. Damit ist sie nicht nur das Negativbeispiel für Ostrepräsentation, sondern auch für verstaubte Lehrpläne, wie sie in diesem Artikel im Deutschlandfunk beschrieben werden.
Insgesamt sieht es also recht gut aus mit der Ost-Lektüre in den Schulen. Allerdings ist zu bedenken, dass die Bücher in erster Linie Empfehlungen sind. Nur weil sie auf den Listen vertreten sind, heißt das nicht automatisch, dass Lehrer:innen sie kennen, in den Unterricht aufnehmen oder überhaupt das Material haben, um Schüler:innen an die Bücher heranzuführen. Ob letzten Endes tatsächlich auch in Westdeutschland jede:r Schüler:in mal ein Buch aus dem Osten in der Hand hatte, ist fragwürdig. Allerdings kann man den Spieß auch umdrehen – ich kann mich ehrlicherweise nicht daran erinnern, in der Oberstufe ein Buch aus Westdeutschland gelesen zu haben.
Eine Ostquote in der Schullektüre, wie ich sie hier beschrieben habe, ist eine dämliche Idee. Wenige der von mir genannten Autor:innen hätten sich wohl selbst als Ost-Autor:in verstanden und sollten auch nicht als solche gelesen werden. Literatur will Menschen beschreiben, und nicht Ostdeutsche, Westdeutsche, DDR- und BRD-Bürger:innen.
Was stattdessen aber getan werden sollte – und dies ist der zweite Teil meines Plädoyers – ist, Ost-Lektüre in der Schule zu lesen. Dies meint auf gar keinen Fall nur ost-deutsche Lektüre, sondern auch übersetzte Bücher aus anderen ehemaligen Ostblock-Staaten. Und zwar nicht (nur) als Hilfsmittel, um die DDR zu verstehen, sondern als Bücher, die Einblicke bieten in menschliche Höhepunkte und Abgründe, und zwar in Gesellschaften, in denen fehlende Freiheiten allgegenwärtig sind.
Schreiben ohne Freiheit ist aktueller denn je. Das macht nicht vor Deutschland und schon gar nicht vor Ostdeutschland halt. Es sorgt schon jetzt ein gefährlicher Cocktail aus einer starken AfD, widerstandslosen Lokalmedien und zunehmender rechter Gewalt dafür, dass es auf einmal gar nicht mehr so leicht fällt, unbeschwert das zu sagen, was man sagen möchte. Die Frage nach Systemkonformität ist eine, die sich in der Auseinandersetzung mit DDR-Autor:innen wieder und wieder stellt. Die Frage, ob man etwas hinnimmt und auf bessere Zeiten hofft, oder doch den Sprung von der Klippe wagt, wie es manche von ihnen getan haben und manche nicht. Künstler:innen sind Utopist:innen, viele von ihnen überzeugte Sozialist:innen, auch in der DDR und auch im heutigen Ostdeutschland. Da stellt sich auch die Frage, wie weit eine Utopie gehen darf in ihren Versuchen, aktuelles oder vergangenes Leid zu rechtfertigen.
Es ist unglaublich wichtig für junge Menschen, sich kritisch mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass Ost-Literatur, egal, wer da jetzt genau dazuzählt, einen Beitrag dazu leisten kann. Und ich glaube, dass die alte und die neue Ost-Literatur auch in meiner eigenen Blase – der linken, der grünen, der gutbürgerlichen, der urbanen, der Wir-tun-das-Richtige-Blase – unbequem wirkt. Weil sie nicht zuletzt zeigt, dass nicht in jeder Person ein:e Widerstandskämpfer:in steckt – und wie schnell es passieren kann, dass man sich an Unrecht mitschuldig macht.
Hanna
Hier eine AUSWAHL von Autor:innen mit Ostbezug aus den Leselisten der Bundesländer.
Eastplaining garantiert nicht für den Unterhaltungswert der Lektüre :)
Mecklenburg-Vorpommern – Lektüreempfehlungen
Anja Reich – Simone
Gregor Sander – Lenin auf Schalke
Maxim Leo – Wir werden jung sein
Wilhelm Bartsch – Hohe See und niemands Land
Lene Albrecht – Weiße Flecken
Charlotte Gneuß – Gittersee
Jens-Uwe Schubert – De Abrafaxe up Platt. De Schatz von de Likedeelers
Nordrhein-Westfalen, Saarland, Berlin, Schleswig-Holstein – Pflichtlektüre
Jenny Erpenbeck – Heimsuchung
Brandenburg
Jenny Erpenbeck – Heimsuchung
Conrady, Karl Otto (Hg.) – Von einem Land und vom andern. Gedichte zur deutschen Wende 1989/1990
Braun, Michael – Ich bin die große Lüge des Landes. Melancholie statt Utopie: Die „Wendezeit“ in Gedichten
Wenzel, Jan (Hg.) – Das Jahr 1990 freilegen
Niedersachsen
Klasse 5-10:
Nadia Budde – Such dir was aus, aber beeil dich
Dorit Linke – Fett Kohle
Thilo Reffert – Nina und Paul
Bertolt Brecht – Der Jasager und der Neinsager, Der gute Mensch von Sezuan, Die Gewehre der Frau Carrar, Furcht und Elend des Dritten Reiches, Leben des Galilei, Mutter Courage
Jurek Becker – Jakob der Lügner
Thomas Brussig – Am kürzeren Ende der Sonnenallee
Christoph Hein – Der fremde Freund, Drachenblut
Ulrich Plenzdorf – Die neuen Leiden des jungen W.
Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnappskirschen aß
Antje Wagner – Hyde
Hessen – Lektüreempfehlungen
Klasse 5-10:
Susan Kreller – Schneeriese
Johannes Herwig – Halber Löwe
Grit Poppe – Verraten
Christa Wolf – Der geteilte Himmel
Birgit Weyhe – Madgermanes
Thilo Reffert – Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle
Bertold Brecht – Der gute Mensch von Sezuan
Klasse 11-12:
Christa Wolf
Schriftsteller im Widerstand, im Kontext der DDR (zum Beispiel Kunze, Stefan Heym, Jurek Becker)
Anna Seghers
Bertolt Brecht
filmische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus oder der DDR nach 1945 beziehungsweise 1990 (zum Beispiel von Donnersmarck: Das Leben der Anderen)
Baden-Württemberg – Lektüreempfehlungen & Pflichtlektüre
Klasse 8-10: Grit Poppe – Weggesperrt
Klasse 11-12:
Anna Seghers – Transit
Jenny Erpenbeck – Heimsuchung
Bayern – Lektüreempfehlungen
Klasse 11-12:
Bertolt Brecht
Christa Wolf
Durs Grünbein
Sarah Kirsch
Peter Huchel
Sachsen – Lektüreempfehlungen & Pflichtlektüre
Klasse 11-12:
Christoph Hein – Landnahme
Jenny Erpenbeck – Heimsuchung
Christa Wolf – Medea. Stimmen
Christoph Hein – In seiner frühen Kindheit ein Garten
Klasse 8-10:
Steffen Lüddemann – 50 Hertz gegen Stalin
Christoph Hein – Die Ritter der Tafelrunde
Clemens Meyer – Als wir träumten
Sachsen-Anhalt – Lektüreempfehlungen
Klasse 5-12:
Jurek Becker – Jakob der Lügner
Volker Braun – Unvollendete Geschichte
Thomas Brussig – Am kürzeren Ende der Sonnenallee
Reiner Kunze – Die wunderbaren Jahre
Ulrich Plenzdorf – Die neuen Leiden des jungen W.
Claudia Rusch – Meine freie deutsche Jugend
Christa Wolf – Der geteilte Himmel – Störfall
Bertolt Brecht – Der Kaukasische Kreidekreis
Volker Braun – Hinze-Kunze-Roman
Thomas Brussig – Helden wie wir, Wie es leuchtet, Wasserfarben
Günter de Bruyn – Buridans Esel, Märkische Forschungen. Erzählung für Freunde der Literaturgeschichte, Deutsche Zustände
Sigrid Damm – Vögel, die verkünden Land
Julia Franck – Die Mittagsfrau
Franz Fühmann – Marsyas, Das Ohr des Dionysios, König Ödipus, Saiäns-Fiktschen
Christoph Hein – Der fremde Freund. Drachenblut, Der Tangospieler, Horns Ende, In seiner frühen Kindheit ein Garten, Von allem Anfang an, Weiskerns Nachlass
Jakob Hein – Herr Jensen steigt aus
Kerstin Hensel – Hallimasch
Stefan Heym – Ahasver, Fünf Tage im Juni, Der König David Bericht, Immer sind die
Männer schuld, Schwarzenberg
Heinar Kipphardt – März, Der Hund des Generals
Helga Königsdorf: Der Lauf der Dinge, Meine ungehörigen Träume
Günter Kunert: Der Mittelpunkt der Erde
Katja Lange-Müller: Verfrühte Tierliebe, Die Letzten, Böse Schafe
Erich Loest: Es geht seinen Gang, Nikolaikirche
Monika Maron – Flugasche
Heiner Müller – Das Eiserne Kreuz
Ulrich Plenzdorf – Legende vom Glück ohne Ende, kein runter kein fern
Brigitte Reimann – Ankunft im Alltag, Franziska Linkerhand
Thomas Rosenlöcher: Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Harzreise,
Ostgezeter. Beiträge zur Schimpfkultur
Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts
Julia Schoch: Mit der Geschwindigkeit des Sommers
Helga Schubert: Blickwinkel, Lauter Leben
Ingo Schulze: Adam und Evelyn
Anna Seghers: Das siebte Kreuz, Der Ausflug der toten Mädchen
Jens Sparschuh: Der Zimmerspringbrunnen. Ein Heimatroman
Uwe Tellkamp: Der Turm
Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen
Christa Wolf: Nachdenken über Christa T., Kein Ort. Nirgends, Kindheitsmuster
(Auszüge), Medea. Stimmen, Sommerstück, Kassandra
Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, Leben des Galilei, Der kaukasische
Kreidekreis, Der gute Mensch von Sezuan, Die heilige Johanna der
Schlachthöfe, Baal, Trommeln in der Nacht, Die Dreigroschenoper, Furcht und Elend des Dritten Reiches
Christoph Hein: Die wahre Geschichte des Ah Q, Die Ritter der Tafelrunde
Heiner Müller: Germania Tod in Berlin, Die Hamletmaschine
Ulrich Plenzdorf: Vater Mutter Mörderkind
Rheinland-Pfalz – Lektüreempfehlungen
Klasse 11-13:
Stefan Heym – Der Gott der Stadt, Der Krieg, Collin
Anna Seghers – Das siebte Kreuz, Transit
Bertolt Brecht
Christa Wolf – Störfall, Kassandra, Nachdenken über Christa T., Der geteilte Himmel
Wawerzinek – Mein Babylon, Das Kind das ich war
Michael Krüger – Das Ende des Romans
Christoph Hein – Drachenblut, Die Ritter der Tafelrunde
Botho Strauß – Paare Passanten
Ulrich Plenzdorf – Die neuen Leiden des jungen W., Kein runter kein fern
Sarah Kirsch
Günter Kunert
Wolf Biermann
Uwe Johnson – Mutmaßungen über Jakob
Hermann Kant – Die Aula
Reiner Kunze – Die wunderbaren Jahre
Rolf Hochhuth – Wessis in Weimar



