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Bücher machen Leute - ostdeutsche Literatur in der Schule

Umständlich geschriebene Bücher sind im Deutschunterricht Alltag. Dem einen verleiden sie das Lesen gründlich, den anderen (was weitaus seltener vorkommt) motivieren sie zum Weiterlesen. Das Ziel des Lesens ist – je nach pädagogischem Ansatz – nicht nur die ominöse „Allgemeinbildung“, sondern auch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Lebensrealitäten und das Verständnis dafür, wie Gesellschaft (nicht) funktioniert.


1990 ist jetzt 36 Jahre her. Noch immer sind Leute manchmal überrascht, wenn ich erzähle, dass es nicht nur in der DDR eine aktive Literaturszene gab, sondern es sie auch im heutigen Ostdeutschland gibt. Deswegen lohnt es sich, mal einen Blick auf die Ostquote in den Lehrplänen zu werfen: Welche ostdeutschen Autor:innen werden eigentlich in Ost und West gelesen? Werden sie es überhaupt?


In Deutschland entscheidet jedes Bundesland selbst über seine Unterrichtsinhalte. Dementsprechend schwierig gestaltete sich die Recherche für diesen Text: Als erstes klickt man sich eine halbe Stunde lang durch undurchsichtige Websites von Bildungsreferaten und -ministerien. Im zweiten Schritt findet man dann manchmal Stichpunktaufzählungen von drei Abitur-Pflichtlektüren, manchmal siebzehn Seiten lange Leselisten mit Buchempfehlungen für alle Klassenstufen, oder manchmal auch gar nichts, weil das betreffende Bundesland keinerlei Pflichtlektüre vorschreibt und anscheinend auch nichts von Empfehlungen hält. Deswegen muss die Ostquote der jeweiligen Leselisten immer im Zusammenhang gesehen werden mit der Länge der Liste – wenn ein Bundesland drei Bücher vorschreibt, von denen eins einen Ost-Bezug hat, ist das ja durchaus eine bessere Quote als ein Bundesland, in dem von fünfzig deutschsprachigen Namen gerade mal fünf aus Ostdeutschland kommen (looking at you, Bayern).


Mein erster Eindruck war, dass die Ost-Lektüre gar nicht so rar gesät ist wie erwartet. Einige von den „Großen“ tauchen immer wieder auf den Listen auf: Christa Wolf, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Ulrich Plenzdorf, Christoph Hein. Ähnlich wie bei der selbsterklärten Ost-Versteherin Juli Zeh ist es auch bei Autoren wie Brecht fraglich, ob sie zur Ostquote gehören – aber das ist es ja, was Quoten wie diese so problematisch macht, besonders, wenn sie Herkunft oder Identität messen sollen. Egal, für diesen Artikel muss es gehen.


In mehreren Bundesländern (u.a. Nordrhein-Westfalen, Saarland, Berlin, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen) ist der Roman Heimsuchung der durchaus kritisch diskutierten ostdeutschen Autorin Jenny Erpenbeck Pflichtlektüre im Abitur. Ansonsten sind es vor allem Namen aus der DDR-Literatur, die auf den Empfehlungslisten stehen. Schulliteratur hängt wohl immer noch der veralteten Auffassung an, dass ein Buch umso besser ist, je älter es wird. Stimmt so nicht ganz. Was aber auffällt, ist der hohe Frauenanteil in der Ost-Literatur, wie zum Beispiel Charlotte Gneuß mit Gittersee auf der Liste von Mecklenburg-Vorpommern.


Man kann nicht sagen, dass die ostdeutschen Bundesländer mehr Ost-Autor:innen auf ihren Listen haben als die westdeutschen Bundesländer. Die Listen der Ost-Länder sind aber vielfältiger, teilweise weiblicher und vor allem jünger. Vor allem die Empfehlungslisten von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern haben mich mit Autor:innen überzeugt, die sonst oft übersehen werden. Die westdeutschen Listen kommen oft nicht weit über die oben erwähnten Namen hinaus – mit einigen Ausnahmen. So empfehlen Baden-Württemberg und Hessen Bücher von Grit Poppe, mit der wir hier auf Eastplaining auch schon gesprochen haben und die sich vor allem mit den Konsequenzen der Stasi-Allmacht für Jugendliche in der DDR auseinandersetzt. Auf der Hessen-Liste steht auch der Leipziger Johannes Herwig mit dem Buch Halber Löwe über Jugend in der Nachwendezeit.


Ein Negativbeispiel aus Westdeutschland ist Bayern, auf dessen langer, kleingeschriebener Liste wohl mehr österreichische Autor:innen stehen als solche aus der DDR oder dem heutigen Osten. Allerdings sollte man die bayerische Liste insgesamt nicht zu ernst nehmen – sie wirkt, als hätte jemand einfach ChatGPT gebeten, eine Liste mit den 100 wichtigsten Werken der Weltliteratur zu erstellen. Damit ist sie nicht nur das Negativbeispiel für Ostrepräsentation, sondern auch für verstaubte Lehrpläne, wie sie in diesem Artikel im Deutschlandfunk beschrieben werden.


Insgesamt sieht es also recht gut aus mit der Ost-Lektüre in den Schulen. Allerdings ist zu bedenken, dass die Bücher in erster Linie Empfehlungen sind. Nur weil sie auf den Listen vertreten sind, heißt das nicht automatisch, dass Lehrer:innen sie kennen, in den Unterricht aufnehmen oder überhaupt das Material haben, um Schüler:innen an die Bücher heranzuführen. Ob letzten Endes tatsächlich auch in Westdeutschland jede:r Schüler:in mal ein Buch aus dem Osten in der Hand hatte, ist fragwürdig. Allerdings kann man den Spieß auch umdrehen – ich kann mich ehrlicherweise nicht daran erinnern, in der Oberstufe ein Buch aus Westdeutschland gelesen zu haben.


Eine Ostquote in der Schullektüre, wie ich sie hier beschrieben habe, ist eine dämliche Idee. Wenige der von mir genannten Autor:innen hätten sich wohl selbst als Ost-Autor:in verstanden und sollten auch nicht als solche gelesen werden. Literatur will Menschen beschreiben, und nicht Ostdeutsche, Westdeutsche, DDR- und BRD-Bürger:innen. 


Was stattdessen aber getan werden sollte – und dies ist der zweite Teil meines Plädoyers – ist, Ost-Lektüre in der Schule zu lesen. Dies meint auf gar keinen Fall nur ost-deutsche Lektüre, sondern auch übersetzte Bücher aus anderen ehemaligen Ostblock-Staaten. Und zwar nicht (nur) als Hilfsmittel, um die DDR zu verstehen, sondern als Bücher, die Einblicke bieten in menschliche Höhepunkte und Abgründe, und zwar in Gesellschaften, in denen fehlende Freiheiten allgegenwärtig sind.


Schreiben ohne Freiheit ist aktueller denn je. Das macht nicht vor Deutschland und schon gar nicht vor Ostdeutschland halt. Es sorgt schon jetzt ein gefährlicher Cocktail aus einer starken AfD, widerstandslosen Lokalmedien und zunehmender rechter Gewalt dafür, dass es auf einmal gar nicht mehr so leicht fällt, unbeschwert das zu sagen, was man sagen möchte. Die Frage nach Systemkonformität ist eine, die sich in der Auseinandersetzung mit DDR-Autor:innen wieder und wieder stellt. Die Frage, ob man etwas hinnimmt und auf bessere Zeiten hofft, oder doch den Sprung von der Klippe wagt, wie es manche von ihnen getan haben und manche nicht. Künstler:innen sind Utopist:innen, viele von ihnen überzeugte Sozialist:innen, auch in der DDR und auch im heutigen Ostdeutschland. Da stellt sich auch die Frage, wie weit eine Utopie gehen darf in ihren Versuchen, aktuelles oder vergangenes Leid zu rechtfertigen.


Es ist unglaublich wichtig für junge Menschen, sich kritisch mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass Ost-Literatur, egal, wer da jetzt genau dazuzählt, einen Beitrag dazu leisten kann. Und ich glaube, dass die alte und die neue Ost-Literatur auch in meiner eigenen Blase – der linken, der grünen, der gutbürgerlichen, der urbanen, der Wir-tun-das-Richtige-Blase – unbequem wirkt. Weil sie nicht zuletzt zeigt, dass nicht in jeder Person ein:e Widerstandskämpfer:in steckt – und wie schnell es passieren kann, dass man sich an Unrecht mitschuldig macht.


Hanna 




Hier eine AUSWAHL von Autor:innen mit Ostbezug aus den Leselisten der Bundesländer.

Eastplaining garantiert nicht für den Unterhaltungswert der Lektüre :)


Mecklenburg-Vorpommern – Lektüreempfehlungen

Anja Reich – Simone

Gregor Sander – Lenin auf Schalke

Maxim Leo – Wir werden jung sein

Wilhelm Bartsch – Hohe See und niemands Land

Lene Albrecht – Weiße Flecken

Charlotte Gneuß – Gittersee

Jens-Uwe Schubert – De Abrafaxe up Platt. De Schatz von de Likedeelers


Nordrhein-Westfalen, Saarland, Berlin, Schleswig-Holstein – Pflichtlektüre

Jenny Erpenbeck – Heimsuchung


Brandenburg

Jenny Erpenbeck – Heimsuchung

Conrady, Karl Otto (Hg.) – Von einem Land und vom andern. Gedichte zur deutschen Wende 1989/1990

Braun, Michael – Ich bin die große Lüge des Landes. Melancholie statt Utopie: Die „Wendezeit“ in Gedichten

Wenzel, Jan (Hg.) – Das Jahr 1990 freilegen


Niedersachsen

Klasse 5-10: 

Nadia Budde – Such dir was aus, aber beeil dich

Dorit Linke – Fett Kohle

Thilo Reffert – Nina und Paul

Bertolt Brecht – Der Jasager und der Neinsager, Der gute Mensch von Sezuan, Die Gewehre der Frau Carrar, Furcht und Elend des Dritten Reiches, Leben des Galilei, Mutter Courage

Jurek Becker – Jakob der Lügner

Thomas Brussig – Am kürzeren Ende der Sonnenallee

Christoph Hein – Der fremde Freund, Drachenblut

Ulrich Plenzdorf – Die neuen Leiden des jungen W.

Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnappskirschen aß

Antje Wagner – Hyde


Hessen – Lektüreempfehlungen

Klasse 5-10: 

Susan Kreller – Schneeriese

Johannes Herwig – Halber Löwe

Grit Poppe – Verraten

Christa Wolf – Der geteilte Himmel

Birgit Weyhe – Madgermanes

Thilo Reffert – Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle

Bertold Brecht – Der gute Mensch von Sezuan

Klasse 11-12: 

Christa Wolf

Schriftsteller im Widerstand, im Kontext der DDR (zum Beispiel Kunze, Stefan Heym, Jurek Becker)

Anna Seghers

Bertolt Brecht

filmische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus oder der DDR nach 1945 beziehungsweise 1990 (zum Beispiel von Donnersmarck: Das Leben der Anderen)


Baden-Württemberg – Lektüreempfehlungen & Pflichtlektüre

Klasse 8-10: Grit Poppe – Weggesperrt

Klasse 11-12: 

Anna Seghers – Transit

Jenny Erpenbeck – Heimsuchung


Bayern – Lektüreempfehlungen

Klasse 11-12:

Bertolt Brecht

Christa Wolf

Durs Grünbein

Sarah Kirsch

Peter Huchel


Sachsen – Lektüreempfehlungen & Pflichtlektüre

Klasse 11-12: 

Christoph Hein – Landnahme

Jenny Erpenbeck – Heimsuchung

Christa Wolf – Medea. Stimmen

Christoph Hein – In seiner frühen Kindheit ein Garten

Klasse 8-10: 

Steffen Lüddemann – 50 Hertz gegen Stalin

Christoph Hein – Die Ritter der Tafelrunde

Clemens Meyer – Als wir träumten


Sachsen-Anhalt – Lektüreempfehlungen

Klasse 5-12

Jurek Becker – Jakob der Lügner

Volker Braun – Unvollendete Geschichte

Thomas Brussig – Am kürzeren Ende der Sonnenallee

Reiner Kunze – Die wunderbaren Jahre

Ulrich Plenzdorf – Die neuen Leiden des jungen W.

Claudia Rusch – Meine freie deutsche Jugend

Christa Wolf – Der geteilte Himmel – Störfall

Bertolt Brecht – Der Kaukasische Kreidekreis

Volker Braun – Hinze-Kunze-Roman

Thomas Brussig – Helden wie wir, Wie es leuchtet, Wasserfarben

Günter de Bruyn – Buridans Esel, Märkische Forschungen. Erzählung für Freunde der Literaturgeschichte, Deutsche Zustände

Sigrid Damm – Vögel, die verkünden Land

Julia Franck – Die Mittagsfrau

Franz Fühmann – Marsyas, Das Ohr des Dionysios, König Ödipus, Saiäns-Fiktschen

Christoph Hein – Der fremde Freund. Drachenblut, Der Tangospieler, Horns Ende, In seiner frühen Kindheit ein Garten, Von allem Anfang an, Weiskerns Nachlass

Jakob Hein – Herr Jensen steigt aus

Kerstin Hensel – Hallimasch

Stefan Heym – Ahasver, Fünf Tage im Juni, Der König David Bericht, Immer sind die

Männer schuld, Schwarzenberg

Heinar Kipphardt – März, Der Hund des Generals

Helga Königsdorf: Der Lauf der Dinge, Meine ungehörigen Träume

Günter Kunert: Der Mittelpunkt der Erde

Katja Lange-Müller: Verfrühte Tierliebe, Die Letzten, Böse Schafe

Erich Loest: Es geht seinen Gang, Nikolaikirche

Monika Maron – Flugasche

Heiner Müller – Das Eiserne Kreuz

Ulrich Plenzdorf – Legende vom Glück ohne Ende, kein runter kein fern

Brigitte Reimann – Ankunft im Alltag, Franziska Linkerhand

Thomas Rosenlöcher: Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Harzreise,

Ostgezeter. Beiträge zur Schimpfkultur

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Julia Schoch: Mit der Geschwindigkeit des Sommers

Helga Schubert: Blickwinkel, Lauter Leben

Ingo Schulze: Adam und Evelyn

Anna Seghers: Das siebte Kreuz, Der Ausflug der toten Mädchen

Jens Sparschuh: Der Zimmerspringbrunnen. Ein Heimatroman

Uwe Tellkamp: Der Turm

Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen

Christa Wolf: Nachdenken über Christa T., Kein Ort. Nirgends, Kindheitsmuster

(Auszüge), Medea. Stimmen, Sommerstück, Kassandra

Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, Leben des Galilei, Der kaukasische

Kreidekreis, Der gute Mensch von Sezuan, Die heilige Johanna der

Schlachthöfe, Baal, Trommeln in der Nacht, Die Dreigroschenoper, Furcht und Elend des Dritten Reiches

Christoph Hein: Die wahre Geschichte des Ah Q, Die Ritter der Tafelrunde

Heiner Müller: Germania Tod in Berlin, Die Hamletmaschine

Ulrich Plenzdorf: Vater Mutter Mörderkind 


Rheinland-Pfalz – Lektüreempfehlungen

Klasse 11-13: 

Stefan Heym – Der Gott der Stadt, Der Krieg, Collin

Anna Seghers – Das siebte Kreuz, Transit

Bertolt Brecht

Christa Wolf – Störfall, Kassandra, Nachdenken über Christa T., Der geteilte Himmel

Wawerzinek – Mein Babylon, Das Kind das ich war

Michael Krüger – Das Ende des Romans

Christoph Hein – Drachenblut, Die Ritter der Tafelrunde

Botho Strauß – Paare Passanten

Ulrich Plenzdorf – Die neuen Leiden des jungen W., Kein runter kein fern

Sarah Kirsch

Günter Kunert

Wolf Biermann

Uwe Johnson – Mutmaßungen über Jakob

Hermann Kant – Die Aula

Reiner Kunze – Die wunderbaren Jahre

Rolf Hochhuth – Wessis in Weimar

 

 
 
 

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