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Interview mit Ilko-Sascha Kowalczuk: „Wenn ich mal ein Buch schreiben sollte, was alle gleichermaßen gut finden, dann wird es garantiert mein letztes Buch.“

Aktualisiert: 16. Jan.

Nachdem wir im September bereits eine Rezension zum Buch „Die neue Mauer. Ein Gespräch über den Osten“ von Bodo Ramelow und Ilko-Sascha Kowalczuk gepostet hatten, führten wir ein Interview mit Ilko-Sascha Kowalczuk über das Buch und viele weitere Themen. Das Gespräch fand am 2. Dezember 2025 statt. Wir wünschen Euch so viel Freude bei der Lektüre, wie wir beim Interview selbst hatten!       


Hanna: Für den unwahrscheinlichen Fall, dass dich jemand aus unserer Leserschaft nicht kennt: Sag uns kurz, warum man dir bei den Themen Ostdeutschland und DDR zuhören sollte.


Ilko: Das kann ich nicht beantworten. Niemand muss mir zuhören. Ich bin halt jemand, der sich sein ganzes Leben lang damit beschäftigt, der selber eine Ostbiografie hat, die nicht ganz so geradlinig war. Ich kenne verschiedene Aspekte des Lebens in der DDR, die Möglichkeiten, wie man anecken oder durchkommen kann, kenne auch die Kraft des Opportunismus. Ich bin durch alle Institutionen der DDR gewandert, bis hin zum Grundwehrdienst, ich kenne alles von innen. Das ist auch die Energie und die Kraft, die ich rauslassen konnte, als die Mauer durchbrochen wurde. Die Geschichte ist ein wesentlicher Punkt, um die Diktatur verstehen zu können, aber auch, um Gegenworte verstehen zu können. Ich befasse mich seit 1990 mit diesen Themen, arbeite intensiv in Archiven und versuche, meine wissenschaftliche Sicht der Dinge niederzulegen. Ich habe viele Bücher geschrieben und bemühe mich immer, so zu schreiben, dass es meine Mama versteht. Ich bin niemand, der im Elfenbeinturm sitzt, sondern ich habe schon den Anspruch, mit meiner Wissenschaft etwas zu bewegen  und denke nicht daran, Dinge glattzubügeln. Bei mir steckt immer viel Widerspruch drin, viel Kantiges, und das erwarte ich auch in der Auseinandersetzung. Für mich sind Demokratie und Freiheit nichts, wo sozusagen alle hinter einer Fahne marschieren und eine Meinung haben. Wenn ich mal ein Buch schreiben sollte, was alle gleichermaßen gut finden, dann wird es garantiert mein letztes Buch.


Hanna: Habt ihr während eurer Buchvorstellungen öfter solche Erlebnisse wie in Magdeburg, wo die Linksjugend im November 2025 zu Protest gegen eure Buchvorstellung aufgerufen hat, gehabt?


Ilko: Solche Proteste wurden anderswo angekündigt, aber es gab sie nicht. Auch in Hamburg. Aber ich bin da nur Kollateralopfer, das richtet sich in der Regel gegen Bodo Ramelow.


Hanna: Ich hätte gedacht, dass sich das auch gegen dich als Figur der DDR-Aufarbeitung richtet.


Ilko: Ich bin von Anfang an in dieser ganzen Debatte um DDR, um Kommunismus, um Aufarbeitung, um Ostdeutschland involviert. An verschiedenen Stellen,  Institutionen und Kommissionen. Und zunehmend auch mit einer immer lauter werdenden, eigenen Stimme. Aber viele Debatten kenne ich eben auch noch vom Anfang der 1990er Jahre. Insofern hat mich das mein Leben lang immer so ein bisschen begleitet. Das sind diese sehr harten, die eigene Person betreffenden Vorwürfe, Beleidigungen, Drohungen. Vor vier oder fünf Jahren bin ich in die sozialen Medien eingestiegen, ich wollte während der Pandemie ein bisschen aus der Isolation raus. Dadurch kenne ich diese Anwürfe und Drohungen. Es ist schon klar, dass 99% das nur mit Worten machen. Aber manches ist eben doch unangenehm. Früher haben wir manchmal Veranstaltungen gemacht, die teilweise unter Polizeischutz ablaufen mussten, weil es Morddrohungen und sowas gab. Jetzt im Rahmen der Buchvorstellungen richtete sich das meiste aber gegen Bodo Ramelow.


Weronika: Was mich nach der Lektüre eures Buchs ziemlich beschäftigt hat, ist die Frage des Geschichtsunterrichts. Wie sollte Geschichtsunterricht über die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts an deutschen Schulen aussehen?


Ilko: Prinzipiell nicht anders als der über die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. Geschichte ist eine Form der verdichteten Vergangenheit. Wir behandeln immer nur Ausschnitte. Je professioneller und wissenschaftlicher das erfolgt, umso umfassender wird es. Für mich ist wichtig, dass man im Geschichtsunterricht die Globalität des regionalen Geschehens darstellt. Dass Geschichte, die sich in Görlitz vollzieht, zwar auch in den regionalen Eigenheiten interessant ist, aber eigentlich erst in den überregionalen Allgemeinheiten bedeutend wird. Und das muss eben auch frühzeitig im Geschichtsunterricht vermittelt werden, was übrigens in den frühen Epochen der Menschheitsgeschichte auch selbstverständlich ist. Dort wird sich nicht auf den Flecken konzentriert, der irgendwann mal Deutschland genannt wird, sondern man hat ganz Europa oder die Welt im Blick und schaut sich die Völkerwanderungen an. Je mehr man in die Moderne kommt, umso verengter werden die Blicke, oder man hat nur die westliche Perspektive. Mir wäre wichtig, dass man Geschichte als Reservoir begreift, aus dem man für seine eigene Standortgebundenheit schöpfen kann. Gerade im historischen Dreiländereck Deutschland, Polen, Tschechien kann man gut zeigen, wie willkürlich Grenzziehungen und Nationsbestimmungen sind. Eigentlich kann man sagen: Es existieren gar keine Nationen, so wie auch keine menschlichen Rassen existieren. Aber Rassismus existiert. Mit solchen Widersprüchen muss man sich beschäftigen.


Hanna: Ein Begriff, den du im Buch verwindest, ist jener der „Ostdeutschtümelei“. Dazu nun die Frage: Erleben wir gerade in der Wissenschaft und Gesellschaft eine DDR-Verharmlosung? Wie würdest du in dem Kontext Ostbewusstseinsströmungen von jungen Leuten einordnen, die sich mit ihrer ostdeutschen Sozialisation auseinandersetzen wollen: Ist das auch schon „Ostdeutschtümelei“?


Ilko: Es sind zwei verschiedene Ebenen. Ich habe diesen Begriff vor ungefähr anderthalb Jahren erstmals in die öffentliche Debatte geworfen, und zwar im Kontext meines damals erschienenen Buches Freiheitsschock. Ich bezeichne das als Ostdeutschtümelei, wenn man seine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und seine Standortgebundenheit für einzigartig hält. Das ist das, was ich vielerorts in Ostdeutschland  wahrnehme, dass viele der Meinung sind, das wäre alles so einzigartig. Insbesondere die Herausforderungen, die sie bewältigen mussten, die Erniedrigungen, die Demütigungen, die Niederlagen. Das wird auch von Intellektuellen und SchriftstellerInnen in die Öffentlichkeit getragen. Denen werfe ich vor, dass sie nicht in der Lage sind oder sich auch weigern, über den Tellerrand zu schauen. Darum sage ich: Schaut auch mal woandershin, was andere erlebt und erfahren haben. Dann könnt ihr vielleicht auch anders bewerten und kontextualisieren. Das ist der eine Punkt. Das andere, die Frage der Verharmlosung der Diktatur, das ist eine Debatte, die praktisch von Anfang an geführt wird. Das würde ich nicht unbedingt als Ostdeutschtümelei bezeichnen. Geschichtsbetrachtungen sind sehr gegenwärtig gebunden, das sind Prozesse, die man erklären muss. Auf die DDR bezogen kann man beobachten, dass die Potenziale bestimmter Theorien und Zukunftsvisionen, die angeblich mit der DDR verbunden worden sind, umso stärker werden, je unzufriedener größere Gruppen mit der eigenen Gegenwart sind und je mehr ihnen die Zukunftsvisionen verloren gehen. Wir reden selten von Zukunft, obwohl der Begriff überall auftaucht. Aber die digitale Revolution, der massenhafte Einsatz von KI macht uns zukunftslos, sprachlos. Wir sind nur noch damit beschäftigt, die Gegenwart irgendwie zu verwalten. Die Menschen suchen nach einem sicheren Ort, und Vergangenheit ist der sicherste, denn da kennen sie sich aus. Da kann man alles Mögliche hineininterpretieren, und das ist das Einfallstor für die individualistische Geschichtsbildung. Das beobachte ich seit Längerem auch in der Geschichtswissenschaft, wo sich ein Relativismus breitgemacht hat, den ich persönlich nicht nachvollziehen kann. Es tritt eine Weichzeichnung ein. Vielen sind die Implikationen einer Diktatur gar nicht mehr bewusst. Diktatur bedeutet eben nicht, dass an jeder Ecke ein bewaffneter Soldat steht und jemanden erschießt, wenn der nicht so läuft, wie er soll. Aber was bedeutet Diktatur für Schulbetrieb, Universität oder die Auswahlbedingungen, Lehrinhalte und so weiter? Wenn alles weichgezeichnet wird, dann gehen auch die eigentlich harten Randbedingungen immer mehr verloren. Ich fürchte, das wird noch viel schlimmer werden.


Weronika: Du schätzt im Buch, dass ungefähr 50-60% der ostdeutschen Gesellschaft Kreml-nah sind, und zwar nicht aus Russlandverständnis, sondern aus USA-Ablehnung. Würdest du so auch den Friedenswunsch der Ostdeutschen erklären? Oder geht dieser Wunsch eher in Richtung in-Ruhe-gelassen-werden?


Ilko: Wenn es nur darum ginge, in Ruhe gelassen zu werden, dann würden die Menschen einen Schritt weiter gehen und darüber reflektieren, wie werde ich auch zukünftig in Ruhe gelassen. Dann würden sie vielleicht aufgeschreckt feststellen, dass sie in der aktuellen Situation doch auf Dauer nicht in Ruhe gelassen werden. Dahinter muss ein anderes Konzept stecken. Wir können in Ostdeutschland seit 20, 25 Jahren einen starken Drang hin zu autoritären Strukturen beobachten. Die werden immer wieder in unterschiedlichen demoskopischen Erhebungen bestätigt. Entscheidend ist dabei nicht so sehr, was die Leute wollen. Wichtig ist erst einmal für mich die Feststellung: Was wollen sie nicht? Und in den letzten 20 Jahren hat sich eine sehr starke Abneigung, stellenweise ein ungezügelter Hass gegenüber dem westlichen liberalen Verfassungsstaat herausgebildet. Das ist überall, auch im Osten, mit beiden Händen greifbar. Nach meiner Interpretation rührt aus dieser Ablehnung die Russlandaffinität: „Ich mache mir den Feind meines größten Feindes zum Freund“. Das kommt durch Trump natürlich ein bisschen ins Rutschen, aber das irritiert viele nicht, denn Putin ist ihnen ja erhalten geblieben. Da sind in der Regel keine Argumente, nicht mal Gefühle, sondern nur Ablehnung. Und die beiden wichtigsten politischen Kräfte in Deutschland, AfD und BSW, verkörpern genau diese Ablehnung der westlichen Lebenskulturen, des liberalen Verfassungsstaates und die Nähe zu Putin. Dann ist es nur ein kleiner Schritt zu fragen: Was haben die denn für eine Friedensvorstellung? Der Begriff ist wichtiger als der Inhalt. Wenn sie nicht mehr weiterwissen, sagen sie eben, Butscha[1] ist eine Erfindung des faschistischen ukrainischen Staates und ihrer Lakaien im Westen. Wenn jemand sagt, meine Meinung ist ein Fakt, dann sind wir in diesem berühmten post-faktischen Zeitalter angekommen. Ich werde mich nicht mit jemandem an einen Tisch setzen, der mir einen Vortrag darüber hält, warum die Erde eine Scheibe ist. Das ist einfach Quatsch, und da nehme ich mir das Recht raus, das auch so zu sagen.            

Demokratie und Freiheit leben davon, sich zu engagieren. Sich einzubringen, und eben nicht über jedes Stöckchen der Extremisten zu springen. Und jetzt, als Historiker gefragt, ist das alles so neu? Nein, das gab es schon immer. Es gibt keine Gesellschaft, die 100%ig hinter dem politischen System steht, in dem sie lebt. Es gibt immer so ein Viertel bis Drittel der Leute, die damit nichts zu tun haben wollen. Das, was jetzt neu ist, ist die von mir vorhin schon erwähnte Zukunftslosigkeit. Was aber vor allen Dingen neu ist, ist das Entwicklungstempo, in dem wir uns befinden. Ihr seid in diese Welt hineingeboren, die sich permanent neu erfindet. Aber eure Eltern kennen noch eine Welt, in der alle zehn Jahre mal eine Nachricht von irgendeiner technischen Neuerung aufkam. Und eure Großeltern haben das vielleicht alle 25 Jahre erlebt und deren Eltern gar nicht oder einmal im Jahrhundert. Man kommt nicht mehr hinterher, und diese Überforderungssituation sehen wir eben auch in Ostdeutschland. Dieses Tempo führt zu Sehnsucht nach Überschaubarkeit und Sicherheit. Da kommt die Vergangenheit ins Spiel, weil man an diesem überschaubaren, abgeschlossenen, sicheren Ort gut hantieren kann. Deswegen argumentieren Extremisten überwiegend historisch und erklären: Wir führen euch in eine Zukunft, die so ähnlich aussieht wie die Vergangenheit, die wir hatten. Und da kommen auch diese ganzen Hirngespinste her von  der angeblich homogenen Gesellschaft...


Hanna: Du hast gerade die Beobachtung angesprochen, dass immer ein Viertel bis Drittel der Gesellschaft das System nicht unterstützt. In diesem Kontext möchte ich dich fragen, da ihr euch für eine gesamtdeutsche Verfassungsdebatte aussprecht: Wie kann das aussehen, im Angesicht von 26% AfD? Wie hoch ist das Risiko, dass da was schiefgeht? Können wir uns das Risiko leisten oder ist es genau der Grund, dass wir diese Debatte führen sollten?


Ilko: Für mich ist genau das der Grund. Wenn wir am Ende eine Verfassung bekommen, die von 50% der Menschen angenommen wird und dem Faschismus den Weg ebnet, hätten wir das auch anders nicht aufgehalten. Aber ich gehe davon aus, dass noch etwa drei Viertel der Gesellschaft zu den Grundwerten des Grundgesetzes steht und zu den Eckpfeilern der dann neuen Verfassung. Wenn man eine neue Verfassung hätte, wie der Artikel 146 des Grundgesetzes es vorsieht, dann nähme man den Extremisten ein ganz zentrales „Argument“. Sie behaupten immer, sie reden im Namen des Volkes, der Gesellschaft, einer Mehrheit. Aber so ist es nicht. In diesem Kontext würde ich eine Verfassungsdebatte sehen, das habe ich aber auch vor 30 Jahren schon so gesehen. Die Angst der PolitikerInnen vor falschen Ergebnissen kann ich nicht teilen.


Weronika: Wenn wir uns die gesellschaftliche Praxis anschauen: Ihr habt gesagt, der Osten erzählt und der Westen hört zu. Wie stellst du dir ein Projekt vor, wo auf Augenhöhe miteinander kommuniziert wird, und wie könnte das auf die Gesellschaft übertragen werden?


Ilko: In den 1990er und 2000er Jahren hieß es immer, erzählt euch eure Geschichte, damit deutsch-deutsch besser zusammenkommt, und „Geschichte erzählen“ hieß immer, der Osten erzählt seine Geschichte und der Westen hört zu, um die Vielfalt und Dramatik der ostdeutschen individuellen Biografien zu verstehen. Ich fand das immer kurios, weil damit das Bild gemalt wurde, diese Dramen der abgebrochenen Lebenswege gäbe es nur im Osten. Aber das gibt es überall, und das seit 100.000 Jahren. Mit diesem Erzählen war auf einer abstrakten Ebene aber auch ein Machtgefälle sichtbar, denn der Westen musste sich nicht erklären: Er war der Sieger der Geschichte und die Vereinigung lief nach dem Motto ab, der Osten soll so werden, wie der Westen glaubt, dass er ist. Insofern hatte der Westen keinen Legitimationszwang in diesem Prozess, aber im Osten jeder Einzelne, und das sieht man bis heute.         

Ich bin schon der Meinung, dass der Vereinigungsprozess anders abgelaufen wäre, wenn zum Beispiel die Menschen im Ruhrgebiet – wenn ihre Erfahrungen aus diesem Transformationsprozess plastisch und praktisch Ostdeutschland nahegebracht worden wären. Das war eine ganz andere Transformationserfahrung, die hat 50 Jahre gedauert, aber mit vielen harten individuellen Brüchen. Der Transformationsprozess in Polen war auch anders, weil die Ausgangsbedingungen auf wirtschaftlicher Ebene sehr verschieden waren. Aber alle in Görlitz schauen Richtung Aachen, anstatt nach Wroclaw zu schauen, dabei wäre das viel naheliegender und würde die eigenen Erfahrungen in einen ganz anderen Kontext stellen.            Solche Projekte sind toll für die individuelle Erfahrung der Leute. Aber ich bin kein Riesenfan solcher Gesprächskreise, weil ich den Ertrag nicht richtig sehe. Wenn ich mal ein wissenschaftliches Projekt anschieben müsste, dann würde ich Vergleiche machen, zum Beispiel Ruhrgebiet und Lausitz. Es sind eben nicht nur ostdeutsche Probleme. Ich bin mir nicht sicher, ob Leute in Schleswig-Holstein und Oberbayern viel voneinander wissen. Und Wissenschaft bringt das Überregionale miteinander in Kontakt, in der Regel durch empirische Erhebungen und Vergleiche. Das fehlt ein bisschen in der Ostdeutschland- und DDR-Forschung, das muss alles noch viel stärker passieren und viel stärker internationalisiert werden. Wir leben in einer globalisierten Welt. Es ist noch viel nötiger geworden, das Regionale in internationale Kontexte einzubetten und zu vergleichen. Es gibt so viele deutsch-deutsche Vergleiche, aber so wenige deutsch-polnische, deutsch-tschechische, deutsch-polnisch-tschechische Vergleiche.


Hanna: In „Freiheitsschock“ hast du die in Ostdeutschland ungebrochen vorhandene Tradition des Obrigkeitsdenkens identifiziert. Steffen Mau spricht in diesem Kontext beispielsweise von Bürgerräten, die man ergänzend zur Parteiendemokratie einsetzen könnte. Wie steht es deiner Meinung nach um die westdeutschen Demokratie-Skills: Gibt es mehr Wissen, mehr Bereitschaft zur demokratischen Einbringung und worin unterscheidet sich dort das Demokratieverständnis?


Ilko: Steffen Mau hat diese Bürgerräte nicht erfunden, aber in seinem letzten Buch starkgemacht. Die Idee dahinter ist ja: Wenn man ist an Entscheidungsfindungsprozessen selbst beteiligt ist, wird man anders über demokratische Aushandlungsprozesse sprechen als Menschen, die nie dabei waren. So könnten Bürgerräte die Partizipationsmöglichkeiten einer repräsentativen Demokratie erweitern. Die Idee ist nicht wegen Ostdeutschland aufgekommen, sondern weil diese erodierenden Prozesse der Demokratie in ganz Europa zu beobachten sind.         

Wir beklagen zwar zu Recht die schwache Zivilgesellschaft in Ostdeutschland, die schwache Parteibindungsquote. Aber wir beobachten das auch im Westen, Norden und Süden. Und das wirft natürlich große Fragen auf. Für mich ist Ostdeutschland deshalb wissenschaftlich interessant. Das ist eine meiner Thesen, weil man in Ostdeutschland Dinge beobachten kann, die sich anderswo auch zutragen, aber erst später. In Ostdeutschland passieren die Dinge früher, radikaler und schneller. Alles, was wir jetzt in Ostdeutschland konstatieren, sehen wir auch in anderen Teilen des Landes. Es gibt kein typisch ostdeutsches Problem. Wir haben Stadt-Land-Probleme, Arm-Reich-Probleme, wir haben Probleme zwischen bildungsfernen und bildungselitären Haushalten und so weiter.. Natürlich gibt es auch strukturelle Gründe: Wir haben nach wie vor das große Problem in der Vererbungsstruktur: Weniger als zwei Prozent der vererbten Mittel werden im Osten vererbt und nur dort, wo es überflüssiges Kapital gibt, können Stiftungen gegründet werden. Und Stiftungen sind ein ganz wesentliches Standbein für die Zivilgesellschaft. Von den über 28.000 Stiftungen in Deutschland sind nicht mal 2.000 in Ostdeutschland..     

Das größte Problem zwischen Ost und West sind die demografischen Unterschiede. Ihr seid das beste Beispiel dafür: Junge Frauen sind dynamischer, gehen weg, hin zu den Ausbildungsstätten. Es gibt einen enormen Männerüberschuss im Osten. Auch zur Überalterung der ostdeutschen Gesellschaft gibt es kein Pendant in Europa. In eine überalterte Gesellschaft wird nicht investiert. Sachsen-Anhalt schrumpft in den nächsten 20 Jahren um 25%, das muss man sich mal überlegen. Das hat politische Konsequenzen: Wo es keine Leute mehr gibt, gibt es noch weniger Leute, die sich engagieren, oder überhaupt erst Möglichkeiten für ein Engagement. Das wirft die Frage auf: Wie kann Demokratie darauf reagieren? Ich selbst bin auch ein bisschen ratlos. Die Idee der Bürgerräte löst ja nicht die Menschenlosigkeit. Aber wir müssen darüber diskutieren, diese Partizipationsmöglichkeiten zu erweitern. Auf der anderen Seite müssen wir auch diskutieren, ob diese absurde Konzentration von Macht in den Händen von wenigen nicht sowieso Demokratie und Freiheit strukturell unmöglich macht. Da geht es mir nicht mal um Trump oder Putin, sondern um diese Tech-Milliardäre. Sie haben Informationen und Technologien in der Hand und können machen, was sie wollen, das sieht man bei Musk mit seinen quasi-faschistischen Ansichten. Ich sehe nicht mal das Bemühen, diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten.         

Insofern bin ich da insgesamt pessimistisch, was den Erhalt von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit anbelangt. Diesen Drang zu autoritären Staatsstrukturen haben wir überall in Europa. Es geht immer um den Abbau von demokratischen Prinzipien, den Aufbau von autoritären Strukturen, Hand in Hand mit den Tech-Milliardären.


Hanna: Wir wollten jetzt eigentlich zu optimistischen letzten Fragen übergehen…


Weronika:…aber ich glaube, wir hatten genau deshalb diese Fragen ans Ende gelegt. Was wünschst du dir für die nächsten Jahre der DDR-Forschung? Woran arbeitest du demnächst?


Ilko: Ich bin in der glücklichen Lage, total unabhängig sein zu können. Mein Verlag hat mit mir gerade Verträge über viele neue Bücher abgeschlossen. Ich werde noch ein anderes großes Projekt machen, das mit Wolf Biermann zusammenhängt, mit dem ich schon seit vielen Jahren eng befreundet bin. Seit 35 Jahren bin ich sehr engagiert in der Frage der strukturellen Verankerung der DDR in der Kommunismusforschung und der Osteuropaforschung. Das hat alles nicht so richtig geklappt, weil es aus den traditionellen universitären Wissenschaften einen großen Widerstand gegen die Etablierung von eigenen Lehrstühlen gab. Es gibt heute in Deutschland keinen Lehrstuhl zur Geschichte der DDR, keinen Lehrstuhl für die Geschichte des Kommunismus. Ich halte das alles für skandalös und auch für einen Teil des Problems. Ich habe auch mittlerweile die Hoffnung aufgegeben, dass es dazu kommen wird, natürlich hoffe ich trotzdem weiter. Ich verbinde damit keine eigenen Interessen, ich bin mittlerweile zu alt. Ich wollte immer eine Universitätskarriere machen. Das war mir nicht vergönnt, weil ich so bin, wie ich bin und weil das System so ist, wie es ist. . Das hat mich viele Jahre verletzt. Jetzt sage ich, das habt ihr davon. Ihr habt euch alle aufgerieben in euren innerinstitutionellen Machtkämpfen, ich habe in der Zeit Bücher geschrieben. Gleichwohl wünsche ich mir für die Zukunft, dass die internationale Kommunismusforschung in Deutschland in den Universitäten endlich verankert wird. Dazu gehört auch die DDR-Forschung.


Hanna: Was gibt dir Hoffnung?


Ilko: Mir gefällt zum Beispiel sehr gut, dass die Vinyl-Produktion wieder stärker geworden ist. Dass die Schallplatte zurückkommt in die Zimmer von Musikfreaks. Dass es immer gute Musik geben wird. Ich meine das nicht nur ausweichend. Solange die Menschen Musik hören und sich an Musik erfreuen können, Musik machen, sich für Musik interessieren, gibt es Hoffnung. Musik ist etwas sehr Emotionales. Es ist bei Filmen genauso, es gibt kaum einen Film, bei dem ich nicht heule. Wenn man Menschen reden hört über Lektüre-Erfahrung, Filmerfahrung, Musikerfahrung, der ganze Kunst- und Kulturbereich, dann wird man immer wieder feststellen: Wir reden eigentlich über Emotionen, und die Emotionen von den meisten Menschen sind doch ganz ähnlich. Am Ende geht es um Liebe. Um Selbstliebe, Selbstachtung, die Liebe von anderen, Anerkennung durch andere. Ich bin kein Fan der Ärzte, aber sie haben es in ihrem berühmten Lied „Schrei nach Liebe“ auf den Punkt gebracht. Das lässt mich nicht verzweifeln. Die Hoffnung geben wir nicht auf. Jedenfalls ich nicht.

 

Vielen Dank an den C. H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar, die Karte zur Lesung in München und die Vermittlung des Interviews!


[1] Anmerkung von Eastplaining: Im Frühjahr 2022 wurde die ukrainische Stadt Bucha nahe Kiew von russischen Streitkräften besetzt. Nach dem Rückzug russischer Truppen Ende März 2022 entdeckten ukrainische Behörden, internationale Medien und Menschenrechtsorganisationen dort Hunderte toter Zivilisten auf Straßen, in Parks und Massengräbern. Viele Leichen wiesen eindeutige Hinweise auf Hinrichtungen, Schusswunden aus nächster Nähe, gebundene Hände und andere schwere Verletzungen auf. Quelle: https://www.eeas.europa.eu/eeas/marking-third-anniversary-liberation-bucha-ukraine_en (abgerufen am 14.01.2026).

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